Die stärkste Kraft
| Von traumperlentaucher @ 15:46 | [ Traumgeschichten ] |

Irgendwo im Nirgendwo sass ich, vermutlich in einem Traum, an einem Tisch in einer altertümlichen Schenke. Mittelalter am Ende des Universums, an der Grenze zum Nichts. Wie ich dorthin gekommen war, per Anhalter oder durch ein temporäres Wurmloch, kann ich nicht sagen. Aber ich wurde Zeuge folgenden Gesprächs am Nachbartisch:
„Nichts ist so stark wie das Feuer, es kann alles vernichten“, sagte der kleine Mann, der im Ohr des grossen Mannes sass.
„Du irrst dich, Mann im Ohr“, entgegnete der Delphin und wedelte dabei mit der Schwanzflosse. Dem Wasser kann das Feuer nichts anhaben, es kann das Feuer sogar löschen und es ist deshalb stärker.“
„Nein, der Wind hat Macht über alle Elemente. Er kann das Feuer anfachen oder löschen, er kann das Wasser bringen oder trocknen, wie es ihm beliebt“, warf Emma ein.
Ich wusste nicht, woher ich wusste, dass sie Emma hiess, aber dieses Nichtwissen fiel mir damals nicht auf. Fasziniert beobachtete ich die Fransenkäfer am Tischrand.
„Feuer, Wasser, Wind sind zwar geschwind, doch nichts ist stärker und ausdauernder als der Fels“, warf der Denker am Tischende ein. „Er ist unerschütterlich. Nichts und niemand kann ihm etwas anhaben. Wenn die Elemente in ihrer Wut alles Leben von der Oberfläche des Planeten fegen, er bleibt bestehen.
In diesem Moment regte sich der grosse Mann mit dem kleinen Mann im Ohr als sei er eben aufgewacht. Seine Stimme klang sanft.
„Alles falsch, liebe Freunde, nichts ist so stark wie die Zeit. Der Fels zerfällt mit der Zeit zu Staub, Wasser trocknet und hinterlässt Wüste, der Wind ermüdet und auch das stärkste Feuer kann nicht ewig brennen.“ Er lächelte und der kleine Mann im Ohr lächelte mit.
War die Zeit wirklich die stärkste Kraft im Universum? Stärker als alles andere? Stärker als die Elemente, ja sogar stärker als die vier Grundkräfte der Physik? Ich stand auf, nahm mein Bier und setzte mich an den Nachbarstisch als wärs die grösste Selbstverständlichkeit.
„Du hast eine Frage?“, wollte Emma wissen und schaute mich neugierig an.
„Du zweifelst an der Zeit?“, fragte der Denker und schaute durch mich hindurch.
„Ja“, sagte ich. „Die Zeit ist doch nichts als das Schmiermittel des Universums. Sie ist unbeteiligt am Geschehen, bloss eine Vermittlerin.“
Der Delphin wedelte ungeduldig mit der Schwanzflosse. „Was dann?“, fragte er, „was dann?“
„Nichts ist so stark wie die Liebe. Sie kann selbst die Zeit überdauern“, entgegnete ich. In der von Sternenlicht durchfluteten Schenke wurde es plötzlich still. Keiner regte sich. Sogar die Fransenkäfer bewegte sich nicht mehr.
Dumm nur, dass ich in diesem Moment aufwachte.
Ein tolles Wochenende. Carpe Diem. Euer Traumperlentaucher
Bild: von JoJo












