2009-12-07

Grabenspuren

Von traumperlentaucher @ 12:44 [ Träume ]


„Wozu dienen eigentlich die tiefen Gräben, links und rechts des Weges“, fragte ich meinen gesichtslosen Traumbegleiter. Wir marschierten auf einem Pfad flussabwärts, der sich einige hundert Meter vom Ufer entfernt hatte. Die Gegend war karg und von Felsenpfeilern übersät, als hätte hier Obelix eine Menhir-Ausstellung organisiert. Ein Steinwald, durch den sich unser Weg schlängelte.
„Das sind Spuren, die Träumer hinterlassen haben“, meinte der Gesichtslose.
„Spuren? Wozu?“
„Damit man sie nicht vergisst, wenn sie aus den Traumwelten verschwinden.“
„Du meinst, wenn sie in der Realität sterben?“
„Man muss nicht sterben um nicht mehr zu träumen. Es gibt viele Möglichkeiten, die Tür zu seinen Träumen zuzuschlagen.“
Wieder war er mir ausgewichen. Dabei hätte ich zu gerne gewusst, ob es nach dem Tod noch Träume gab. Aber Nachhaken hatte keinen Sinn, das wusste ich aus Erfahrung.

Doch die Spuren ließen mich nicht mehr los. Wieso hinterließ jemand so tiefe Gräben? Als ich meinen Traumbegleiter darauf ansprach, meinte er:
„Nur wenige Menschen verschwinden spurlos aus der Welt. Ein Foto, vielleicht sogar ein kleines Kunstwerk oder ein Bauwerk, ein Musikstück oder Buch. Die meisten Spuren verschwinden bereits nach einigen Jahren. Doch einige sind davon besessen, Spuren zu hinterlassen die alle Zeiten überdauern. Und sie tun das nicht nur in der Wirklichkeit, sondern auch in ihren Träumen.“
Eine interessante Theorie, fand ich. Doch wieso ausgerechnet Gräben? Wieso keine Bauwerke, Kunstwerke oder gar Meisterwerke?
Wieso häufig schien er meine Gedanken lesen zu können:
„Was im wirklichen Leben als ein Kunstwerk erscheint, ist oft im Traum nur noch ein simples Machwerk oder eben ein Graben.“
Dabei gab es auch hier im Traumland Kunstwerke, ich hatte sie schon gesehen. Gezwirbelte Türme, die in die Wolken ragten, seltsame Maschinen, Klangtempel, aus denen Engelsmusik drang und wunderschöne Gärten in perfekter Harmonie.
„…und Brücken“, ergänzte der Gesichtslose meine Gedanken. „Sie sind das Gegenstück zu den Gräben.“
„Ja, Brücken, welchen Meisterleistungen in der Wirklichkeit sie wohl entsprechen?“
Der Gesichtslose hüstelte. „Manchmal braucht es nur die richtigen Worte um Brücken zu schlagen.“

Heute schon eine Brücke gebaut? Euer Traumperlentaucher

2009-11-24

Mustersucher

Von traumperlentaucher @ 09:00 [ Träume ]


In der Ferne hing ein Dunstschleier über dem Fluss und ich vermeinte, ein leises Rauschen zu vernehmen. Näherten wir uns dem „großen Bruch“, einem mächtigen Wasserfall, von dem die Flussfahrenden erzählten? Der Fluss solle dort auf seiner ganzen Breite mehr als tausend Meter hinunterstürzen auf eine tiefer gelegene Ebene. Kein Schwimmer oder Flossbesitzer habe jemals diesen Sturz überstanden. Wer es nicht rechtzeitig schaffe, an Land zu gehen, sei verloren. Schade, dass ich keinen Feldstecher hatte, oder gar ein Fernrohr.

„Hier, du kannst meines benutzen.“ Der Gesichtslose streckte mir ein ausziehbares Fernrohr hin, wie man es aus Piratenfilmen kennt. Er hatte es aus dem Nichts gezaubert. Ich nahm es dankend entgegen um den fernen Nebel zu inspizieren. Doch da war nichts.
„Manche Dinge verschwinden, wenn man genauer hinschaut“, bemerkte der Gesichtslose.
„Aber mit bloßem Auge gesehen, hängt dort Nebel über dem Fluss. Und das Rauschen bilde ich mir auch nicht ein.
„Wir sind alle Mustersucher. Wir versuchen in allem und jedem Muster zu erkennen, im Raunen des Windes, in den Gesteinsformationen der Berge, im Verhalten der Menschen.“

Da hatte er wohl Recht. Auch ich versuchte immer wieder Muster zu sehen, wo keine waren. Doch woran lag das?

„Die Menschen mögen das Chaos nicht. Alles muss seine Ordnung haben, auch wenn es eine Unordnung ist. Chaos scheint uns widernatürlich, gegen das Leben gerichtet. Darum versuchen wir auch im größten Chaos Muster zu entdecken.“
„Woran liegt das? An unserem Ordnungssinn?“
„Nein, an der Saat der Religionen. Götter lassen Chaos nicht zu. Sie haben die Welt erschaffen und sie zwingen den Menschen in ein Schema. Jeden Sonntag in die Kirche oder fünfmal am Tag in eine bestimmte Himmelsrichtung beten. Ohne Ordnung kein Leben nach dem Tod. Chaos würde endloses Vergessen bedeuten, behaupten die Priester.“
„Menschen brauchen die Ordnung, sie gibt ihnen Halt. Ohne Ordnung sind sie verloren“, wandte ich ein. „Das Resultat wäre Anarchie. Jeder gegen jeden. Haltloser Individualismus, der zum Zerfall der Gesellschaft führen würde.“
„Darum brauchen wir die Religion, das Militär und die Bürokratie“, spottete er. So einfach ist es nicht. „Wir brauchen auch das Chaos, denn nur aus dem Chaos kann wirklich Neues entstehen. Nur im Chaos sind wir in der Lage, uns zu wandeln und weiterzuentwickeln.“

Eine gewagte Aussage meines Traumbegleiters. War er ein verkappter Anarchist?
„Auch das größte Chaos hat seine Regeln“, hielt ich ihm entgegen.
Er hüstelte, wie es seine Art war, ein Lächeln auszudrücken.
„Du bist ein passionierter Mustersucher. Doch hier irrst du dich. Wenn Chaos Regeln hätte, könnte es nicht existieren. Schlimmer noch: Auch die Ordnung könnte in diesem Fall nicht existieren. Denn die Ordnung braucht Chaos, genauso wie Warm Kalt braucht und das Licht die Dunkelheit.“

Leider beendete Mitri, der Kater, meinen Traum, indem er mich in den großen Zeh biss. Er hatte Hunger und interessierte sich nicht für meine Träume.

Ich denke, was für Menschen gilt, gilt auch für Firmen: Jede Firma braucht eine Portion Chaos um innovativ zu sein, aber auch eine Portion Ordnung um profitabel zu sein. Frohes Schaffen. Euer Traumperlentaucher.

2009-11-20

Das Bett unter dem Sanddorn

Von traumperlentaucher @ 10:11 [ Träume ]


Ich war wütend. Der Gesichtslose spielte mit mir Katz und Maus.
„Wieso hältst du mich in diesem Traum? Wieso spielst du dich als Traumgott auf?“, fuhr ich ihn an.
Er ging nicht darauf ein. „Wir müssen dort hinunter.“ Er deutete auf den Fluss unter uns in der Felsenschlucht.
„Das haben wir schon versucht und beim letzten Mal bin ich abgestürzt und habe dabei meinen Traumkörper verloren.“
Er hüstelte, vermutlich wegen dem “Traumkörper“.
„Du wolltest ja unbedingt fliegen. Aber dieses Mal wirst du nicht abstürzen. Ich werde auf dich aufpassen.“
Ich fügte mich in mein Schicksal, zumal meine Versuche aufzuwachen, keinen Erfolg zeitigten. Vermutlich blockierte mein gesichtsloser Traumbegleiter die Grenze zur Wirklichkeit. War er also doch ein Traumgott, oder etwa ein Zauberer?
„Erstens bin ich weder Gott noch Zauberer und zweitens blockierst du dich selbst.“ Er hatte offensichtlich wieder in meinen Gedanken gestöbert.
Er wandte sich ab und begab sich auf den schmalen, in den Fels gehauenen Pfad, der steil nach unten führte. Ich folgte ihm.
„Wenn du das Gleichgewicht verlierst, so halte dich fest“, sagte er, ohne sich umzusehen. Dabei war mir nicht klar, ob er überhaupt sprach oder seine Worte direkt in meinem Kopf entstanden.
„Du hast gut reden. Hier gibt es nichts, woran ich mich festhalten könnte.“
„Du sollst dich auch nicht mit deinen Händen festhalten, sondern mit deinen Gedanken.“
„Telekinese? Die beherrsche ich leider nicht, nicht einmal im Traum.“
„Das ist so einfach wie Gedankenlesen. Stelle dir einen dritten Arm vor, der aus deinem Gehirn hinauswächst. Du kannst ihn so lange wachsen lassen, wie es notwendig ist und du kannst dich damit nicht nur festhalten, sondern auch Gegenstände ergreifen und manipulieren.“
„Schöne Geschichte. Genauso wie das Gedankenlesen, das du mir beibringen wolltest. Vermutlich sagst du mir jetzt, dass ich einfach üben solle.“
„In der Tat, Übung macht den Meister. Es gibt Menschen, die beherrschen diese Kunst sogar in der Wirklichkeit.“
„Etwa Zauberer? Die arbeiten doch alle mit Tricks.“
„Nicht alle. Einige arbeiten mit ihrer Gedankenkraft.“
„Und manipulieren die Gehirne der Zuschauer?“, entgegnete ich.
„Manchmal, aber meistens arbeiten sie an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit.“
Plötzlich standen wir am Ufer des Flusses, gerade an der Stelle, wo er die Schlucht verliess. Wie wir so schnell den Abstieg geschafft hatten, konnte ich mir nicht vorstellen. Doch was sollte es! In Träumen gelten eben andere Regeln.
„Darf ich jetzt endlich aufwachen?“
„Dieser Flussabschnitt ist etwas Besonderes und es gibt einige Dinge, die ich dir noch zeigen möchte.“
„Das kann warten, ich komme wieder.“
„Wie du willst.“ Er deutete auf das Ufergebüsch. Da stand mein Bett neben einem Sanddornbusch. Meine Partnerin lag schlafend darin.
„Danke“, sagte ich und legte mich zu ihr, ergriff ihre Hand und schloss die Augen.
Als ich aufwachte, waren der Gesichtslose, der Sanddorn und Fluss weg. Die Wirklichkeit schien wirklich und traumlos.

Ich wünsche euch ein kunterbuntes, traumhaftes Wochenende. Euer Traumperlentaucher

Bild: Kein Sanddorn aber ein Perückenstrauch (smoke bush)

2009-11-19

Es gibt keine Abkürzung

Von traumperlentaucher @ 07:49 [ Träume ]


Ich stand wieder auf dem Felsplateau, genau wie gestern im Traum.
„Komm, der Weg hinunter ist lang und schwer“, sagte der Gesichtslose zu mir.
„Wieso fliegen wir nicht einfach zum Fluss hinunter? Wir träumen ja bloß!“
„Der Weg ist das Ziel.“
Eine Alarmglocke erklang und ein rotes Licht blinkte in meinem Kopf. „Déjà vu“, raunte mein Verstand.
„Ich komme nicht mit“, sagte ich aus einer plötzlichen Eingebung heraus, „ich nehme den Aufzug.“
„Der fährt nur nach oben.“
Er war in die Falle getappt. Es gab hier keinen Aufzug. Etwas stimmte nicht an diesem Traum …und an meinem Gesichtslosen. Ich musste aufwachen!

Als ich die Augen öffnete, war es draußen noch dunkel. Aber ich lag im Bett und hörte das leise Atmen meiner Partnerin. Die Wirklichkeit hatte mich wieder.
Ich konnte nicht mehr einschlafen und so lag ich da, starrte in die Dunkelheit und sinnierte über den seltsamen Traum. Wiederholungsträume sind keine Seltenheit. Doch der Vergangene war kein gewöhnlicher Wiederholungstraum gewesen, das fühlte ich.

Als das Morgengrauen einsetzte, drehte ich meinen Kopf zu meiner Partnerin. Auch sie hatte ihr Gesicht mir zugedreht.
Was ich sah, ließ mein Blut in den Adern erstarren. Anstelle ihres Gesichts sah ich bloß ein graues Oval. Keine Augen, keine Nase, keinen Mund. Neben mir lag der Gesichtslose.

Wie ein geölter Blitz schoss ich aus dem Bett und rannte aus dem Zimmer.
Doch was jetzt? Ich stoppte. Keine Sekunde zu früh! Ich befand mich am Rande des Felsplateaus. Tief unter mir fraß sich der Fluss durch das Gebirge.
Als ich mich umdrehte, stand der Gesichtslose hinter mir.
„Es gibt keine Abkürzung“, sagte er.

Fortsetzung folgt. Euer Traumperlentaucher

2009-11-18

Erinnerungen an die Zukunft

Von traumperlentaucher @ 08:11 [ Träume ]


„Obschon ich fleißig geübt habe, kann ich immer noch nicht Gedanken lesen“. Klagte ich dem Gesichtslosen, als ich ihn wieder traf. Dieses Mal fand ich ihn nicht am Ufer des Flusses, sondern hoch oben auf einem Felsplateau. Der Fluss fraß sich an dieser Stelle durch eine mächtige Steinbarriere und der Uferweg musste deshalb in die Höhe ausweichen. Leider konnte ich von hier aus nicht sehen, ob er von links nach rechts floss oder umgekehrt. Ich wusste also nicht auf welcher Seite wir uns befanden.
„Bis zum Tor bin ich zwar gelangt, aber ich weiß nicht, wo ich nach dem Schlüssel suchen muss“, erklärte ich ihm.
„Suchen bringt nichts. Der Schlüssel wird dich finden, wenn du bereit bist.“
„Woran erkenne ich denn meine Bereitschaft?“
Der Gesichtslose hüstelte. Dann wandte er sich zum Gehen.
„Komm, der Weg hinunter ist lang und schwer.“
Da war es wieder, dieses Ausweichen. Sobald ich auf den entscheidenden Punkt zu sprechen kam, wechselte er einfach das Thema. Ich tat es ihm gleich:
„Wieso fliegen wir nicht einfach hinunter? Wir befinden uns ja im Traum."
„Der Weg ist das Ziel.“
Abgedroschene Phrase! War das alles, was er heute zu bieten hatte?
„Heute?“, sagte er und demonstrierte damit, dass er meine Gedanken tatsächlich lesen konnte. „In diesem Traum gibt es kein Heute. Er ist zeitlos.“
„Aber ich träume ihn doch jetzt, also heute!“
„Bist du dir sicher? Woher willst du wissen, dass du ihn nicht schon gestern oder vor drei Jahren geträumt hast oder erst in Zukunft träumen wirst.“
„Weil ich morgen aufwachen werde. Und ich werde mich an diesen Traum erinnern. Erinnerungen kennen einen Chronologie aber sie kennen keine Zukunft.“
Er hustet, als hätte er eine Packung Zigaretten aufs Mal geraucht und wäre dabei beinahe gestolpert.
„Nichts ist so unzuverlässig wie Erinnerungen.“

In diesem Moment verlor ich das Gleichgewicht auf dem schmalen Felsenpfad. Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit und es war passiert. Ich versuchte mich noch umzudrehen, versuchte mit der Linken ein einsames Grasbüschel am Wegrand zu packen. Doch die Tiefe zog mich magisch an. Mein Körper kippte über den Rand des Abgrundes.
Ein Aufblitzen von Panik, dann, als mir wieder bewusst wurde, dass ich träumte, der Versuch zu fliegen. Wie ein Vogel wollte ich meine Arme bewegen, doch die wollten nicht.
Lass ihn, sagte ich mir und meine Gedanken verließen den Körper. Ich sah ihn, wie er in den Abgrund raste, schwebte dabei über dem Felsenpfad. Im Nichtgesicht des Gesichtslosen wabberte es. Rote Schlieren wechselten mit gelben und violetten.
Zeit zum Aufwachen, dachte ich. Doch dann durchzuckte mich der Schreck. Wie sollte ich aufwachen ohne meinen Körper?
Unten beim Fluss spritze eine Fontäne Wasser in die Höhe.

Die Tatsache, dass ich diese Zeilen schreibe, beweist, dass ich trotzdem in die Wirklichkeit zurück gefunden habe. Es sei denn, dieser Traum wurde nicht gestern geträumt, sondern wird erst in Zukunft geträumt werden.

Gerade zieht ein Wolkenhund an meinem Fenster vorbei. Könnt ihr ihn auch sehen? Euer Traumperlentaucher

2009-11-17

Der Schlüssel zum Gedankenlesen

Von traumperlentaucher @ 09:06 [ Träume ]


„Du kannst Gedanken lesen?“, staunte ich.
„Ja, hast du das noch nicht bemerkt.“
Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Anlässlich unserer Spaziergänge am Ufer des Flusses hatte ich mich immer gewundert, wie oft er meine Gedanken erraten konnte.
„Können das alle Traumgestalten?“
„Träume sind offen, auch wenn sie verschlüsselt erscheinen.“
Da war sie wieder: seine mysteriöse Ader. Selten erhielt ich auf eine klare Frage eine klare Antwort. Doch dann fuhr er unerwartet fort:
„Auch du kannst Gedanken lesen.“
„Aha. Deine auf jeden Fall nicht.“
„Es ist ganz einfach. Du brauchst dich bloß zu konzentrieren.“
„Auf deine Gedanken?“ Ich versuchte es. Doch da war nichts, kein Echo, kein Flüstern, rein gar nichts.
„Nein, das nützt nichts. Du kannst stundenlang jemanden anstarren und dir das Hirn aus dem Schädel denken; so wird es nie klappen. Du musst zu mir kommen.“
„Da bin ich ja. Oder willst du, dass ich dir noch näher auf die Pelle rücke?“
Der Gesichtslose hüstelte. Das Äquivalent eines Lächelns.
„Das ist nicht nötig. Es braucht dazu keine physische Nähe. Stelle dir vor, zwischen uns gäbe es eine Verbindung, eine Art Geheimgang. Stell dir vor, er sei dunkelblau mit violetten Rändern. Gehe dann hinein in diesen Gang, bis du zu einer Tür gelangst. Stoße sie auf und betrete meine Gedankenwelt.“
Ich war baff. Eine so genaue Gebrauchsanweisung hatte ich von meinem Traumbegleiter nicht erwartet. Ich versuchte es und fand den beschriebenen Gang auf Anhieb. Er war wie ein in rohen Felsen getriebener Stollen. Aber ich kam nicht sehr weit. Etwas Elastisches, Zähes, zog mich immer wieder zurück.
„Du musst üben – immer wieder“, meinte er. „Eines Tages wirst du bis zur Tür gelangen.“
„Und dann kann ich sie so ohne weiteres aufmachen?“
Er hüstelte wieder. Ich war froh, dass er nicht mehr rauchte. Seine Hustenanfälle hatten mich jeweils um sein Traumleben fürchten lassen.
„Wenn du den richtigen Schlüssel hast, ja.“
Da war er also, der Hacken; hatte ich mir doch gedacht. Bevor ich mich aus meinem Traum verabschiedete, wollte ich aber noch wissen, ob sein Rezept auch in der Wirklichkeit funktionierte oder ob das Gedankenlesen nur auf Träume beschränkt war. Doch er hüstelte bloß und beim Überqueren der Traumgrenze wurde sein Hüsteln zu einem frischen Lachen.
Ich werde mal ein bisschen üben. Bis zur Tür werde ich es schaffen, davon bin ich überzeugt. Doch den richtigen Schlüssel zu finden, wird schwierig sein. Wie bei den meisten Problemen im Leben.

Frohe Spätherbstzeiten und viele bunte Blätter. Euer Traumperlentaucher.

2009-11-16

Das andere Ufer

Von traumperlentaucher @ 09:56 [ Träume ]


Irgendetwas stimmte nicht, ich fühlte es sofort. Aber es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, dass der Fluss in die falsche Richtung floss, aufwärts statt abwärts. War ich etwa in einem falschen Traum? Beunruhigt wandte ich mich an meinen gesichtslosen Begleiter, der mit mir am Ufer stand.
„Kein Grund zur Sorge“, meinte er. „Wärst du im falschen Traum, wär ich nicht hier. Wir stehen bloß am anderen Ufer.“
Wieso hatte ich das nicht gleich erkannt? Ich wunderte mich.
„Was hat uns hierher verschlagen? Bisher begann doch mein Traum immer drüben, wo der Fluss von links nach rechts fließt.“
„Links und rechts sind dem Fluss einerlei, er richtet sich allein nach dem Gefälle.“
Geschickt war der Gesichtslose meiner Frage ausgewichen und ich fragte mich wieso. Aber aus Erfahrung wusste ich, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu bohren. Also versuchte ich es auf eine andere Weise:
„Wie kommen wir nun wieder auf die andere Seite?“
„Überhaupt nicht. Es gibt keine Fähren oder Brücken. Wir müssen hier bleiben.“
Wie stur er doch sein konnte! Ich sah ein, dass ich mit Konversation das Mysterium des Seitenwechsels nicht lösen konnte. Es wurde Zeit für eine Aktion. Ohne weitere Worte zu verlieren, wandte ich mich ab, rannte die Uferböschung hinunter und sprang kopfvoran in den Fluss. Ohne mich umzublicken, schwamm ich dem anderen Ufer entgegen.

Als ich „drüben“ aus dem Wasser stieg, erwartete er mich schon. Er stand unten an der Böschung und reichte mir die Hand. Eine Geste, die ich von ihm nie erwartet hätte.
Ich schaute hinüber zum anderen Ufer. Es schien unendlich weit weg. War ich wirklich diese Strecke oder nur im Kreis geschwommen?
„Wie bist du hierher gekommen?“, fragte ich meinen Traumbegleiter.
„Ich bin eine Traumgestalt, schon vergessen?“
„Ich doch auch!“, protestierte ich.
„Nicht wirklich, du bist bloß ein Besucher, und für die gelten andere Regeln.“
Kurz bevor ich aufwachte fragte ich ihn noch:
„An welchem Ufer werde ich dich beim nächsten Mal treffen?“
Die Antwort, zwischen Traum und Erwachen, war nur noch als leises Flüstern zu vernehmen:
„Drüben, natürlich. Eine neue Traumzeit naht und …

Eine neue Traumzeit? Versprechen oder unheilschwangere Ankündigung? Die Antwort liegt wohl in künftigen Träumen. Bis dahin eine schöne Woche. Euer Traumperlentaucher.

2009-11-05

Traumnachrichten

Von traumperlentaucher @ 07:34 [ Träume ]


Was ich an meinen Träumen liebe, ist ihre Werbefreiheit und das Fehlen von Klingeltönen aus Handys.
Dafür gibt es andere Ärgernisse. Zum Beispiel das Fehlen öffentlicher Toiletten oder die plärrenden Flusspriester auf ihren Flössen.
Oder das Haus mit dem Aufzug, der immer im falschen Stockwerk hält und nie nach unten fährt, oder mein gesichtsloser Begleiter, der sich für einen Philosophen hält und der einfach nicht abzuschütteln ist. Ich bin in meinen Träumen nie alleine und das vermisse ich.

Kürzlich ist etwas Neues aufgetaucht, das verspricht zu einem weiteren Ärgernis zu werden: In meinem Traum wurde das Radio erfunden. Kleine Kästen, aus denen Töne sprudeln, die man mit etwas Fantasie als Musik bezeichnen könnte. Dazwischen furzen Mode-Artoren ins Mikrofon oder singen Traumnachrichten. Vergangene Nacht hörte ich zum Beispiel folgendes:

„Gerade hat ein unbekanntes Raumschiff an die Internationale Raumstation angedockt. Die Raumpolizei vermutet, dass es sich dabei um Piraten handelt, doch das Amt für interstellare Migration glaubt, dass es Raumflüchtlinge sind.“

„Im vergangenen Jahr haben sich doppelt soviele Frauen Engelsflügel an-plantieren lassen wie im vorhergehenden. Die Schönheitsindustrie ist außer Rand und Band.“

„Die Schnarchgrippe weitet sich zur Pandemie aus. Die neue Weltregierung hat deshalb die Zwangsimpfung für die ersten drei Arbeiterklassen veranlasst. Klasse vier erhält dagegen das Medikament Superflu.“

„Die Pleitebank Blackhole erhält weitere drei Fantastilliarden zu Behebung ihrer Bonuskrise, nachdem diese aus Protest alle Kontodaten veröffentlicht hatte.“

„Ein virtueller Straftäter verunsichert die Bevölkerung am Fluss. Er hat bereits zweimal einen Flusspriester versenkt und tritt neuerdings als Traumhändler auf. Die Politiker sind entsetzt.“

Nach dem Aufwachen habe ich mir ernsthaft überlegt, ob ich noch träumen soll. Euer Traumperlentaucher.

PS. Ich glaube, ich habe ein neues Zuhause gefunden.

2009-10-12

Der Andere

Von traumperlentaucher @ 07:59 [ Träume ]


Gestern bin ich ihm zum ersten Mal begegnet, dem Anderen. Ich sah ihn schon von weitem durch das lichte Gebüsch des Uferwegs. Er ließ seine Beine über den Rand der Böschung baumeln und seine nackten Füße spielten mit dem Widerwasser. Neben ihm saß – zu meinem größten Erstaunen – ein Gesichtsloser. Mein Gesichtsloser? Ich spürte einen Stich Eifersucht. Wer war er, dass er mit meinem Gesichtslosen in meinem Traum sprach?
Leise trat ich an die Beiden heran und setzte mich zu ihnen. Es war mein gutes Recht, schließlich war es mein Fluss, dachte ich.
Als ich dem Anderen zum ersten Mal in die Augen sah, bemerkte ich, dass er gar nicht anders war. Ich kannte ihn sogar, auch wenn ich nicht wusste, wer er war.
„Was suchst du in meinem Traum?“, fragte ich und bereute gleichzeitig die Frage.
„Der Fluss ist kein Einzelstück“, gab er zurück.
„Natürlich nicht. Unzählige Flüsse strömen durch unendliche Länder. Doch der hier, das ist meiner.“
„Dein Lebensfluss, ja ich weiß. Aber es ist auch meiner. Wir teilen ihn uns, wir alle.“
„Wir alle?“, schrak ich auf. „Was soll denn das bedeuten?“
„Wir alle wie dich.“
Ein unheimlicher Verdacht formte sich in meinen Gedanken. War er mein anderes Ich? Vielleicht gar eins von Tausenden?
Doch da erhob er sich und verabschiedete sich von uns.
„Mein Weg ist noch weit. Ich muss gehen.“
„Warte! Nur einen Augenblick.“ Doch er war bereits verschwunden. Ich wandte mich an den Gesichtslosen, der immer noch reglos am Ufer sass.
„Wer ist der Andere? Ist er ein Teil von mir, ein anderes Ich? Einer meiner Vorfahren oder einer meiner parallelen Existenzen?“
Der Gesichtslose wandte mir sein Gesicht zu. Ein graues Nichts ohne Anhaltspunkte.
„Die Antwort findest du nur in dir selbst.“
„Wieso? Wieso kannst du mir nicht die Frage beantworten, wieso nicht der Fluss oder der Himmel über ihm?“
„Der Fluss, lieber Träumer, kann dir sehr wohl Antwort geben. Aber er fließt in dir selbst. Trinke aus ihm, wenn du nach Erkenntnis dürstest.“

Parabeln, nichts als Parabelträume. Vielleicht ist auch unsere ganze Wirklichkeit bloß eine Parabel? Euer Traumperlentaucher.


2009-10-08

Macht und Ohnmacht

Von traumperlentaucher @ 22:36 [ Träume ]


„Es gibt an diesem Fluss unzählige Götter“, erklärte mir der Gesichtslose. Wir standen auf einer steinernen Plattform hoch über dem Tal. Unter uns schlängelte sich das silberne Band des unendlichen Flusses durch sein Bett.
„Wo sind denn ihre Anhänger?“, fragte ich. Man begegnete selten Menschen am Fluss. Abgesehen von denen, die auf ihren schwimmenden Inseln stromabwärts trieben. „Sind es die Menschen auf ihren Flössen?“
„Ja, die Menschen an und auf dem Fluss. Sie mögen dir wenige scheinen, doch bedenke, dass dieser Fluss keine Quelle und keine Mündung hat. Aber das ist nur ein Teil der Anhängerschaft. Die meisten können wir gar nicht sehen. Sie befinden sich auf anderen Ebenen.“
„Auf anderen Ebenen der Existenz?“
„So könnte man es sehen.“ Der Gesichtslose hustete leise. Seit er aufgehört hatte zu rauchen, ging es ihm jeden Tag besser.
„Und alle sind gläubig?“
„Genauso wie in der Wirklichkeit.“
„Dort gibt es Atheisten und Agnostiker.“
Der Gesichtslose hustete wieder, diesmal etwas stärker. Ob sein Husten doch etwas mit Lachen zu tun hatte, wie er behauptete, und nicht mit dem Rauchen?
„Niemand glaubt an nichts, doch manche glauben an das Nichts.“
„Es gibt keine Götter“, entgegnete ich.
„Pssst, du sollst sie nicht herausfordern.“ Er machte mit den Händen ein Zeichen in die Luft, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Doch ich war in Kampfeslaune:
„Ich kann Götter nicht ernst nehmen, die von ihren Untertanen fordern, dass sie angebetet werden und ihnen vorschreiben, wie sie zu leben haben.“
„Das solltest du aber. Denn wenn sie angebetet werden und die Menschen sich nach ihnen richten, bedeutet das, dass sie mächtig sind. Ein Gott allein ist nichts. Es sind die Menschen, die den Göttern Macht verleihen.“

Ein seltsamer Traum, der mich nachdenklich macht. Ist es nicht so, dass der Mächtige nur mächtig ist, weil ihm andere Macht verleihen – ob Mensch oder Gott? Und ist es nicht so, dass auch der Mächtigste auf sich allein gestellt nur ein Ohnmächtiger ist? Euer Traumperlentaucher

Bild: von Heinz

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