Grabenspuren
| Von traumperlentaucher @ 12:44 | [ Träume ] |

„Wozu dienen eigentlich die tiefen Gräben, links und rechts des Weges“, fragte ich meinen gesichtslosen Traumbegleiter. Wir marschierten auf einem Pfad flussabwärts, der sich einige hundert Meter vom Ufer entfernt hatte. Die Gegend war karg und von Felsenpfeilern übersät, als hätte hier Obelix eine Menhir-Ausstellung organisiert. Ein Steinwald, durch den sich unser Weg schlängelte.
„Das sind Spuren, die Träumer hinterlassen haben“, meinte der Gesichtslose.
„Spuren? Wozu?“
„Damit man sie nicht vergisst, wenn sie aus den Traumwelten verschwinden.“
„Du meinst, wenn sie in der Realität sterben?“
„Man muss nicht sterben um nicht mehr zu träumen. Es gibt viele Möglichkeiten, die Tür zu seinen Träumen zuzuschlagen.“
Wieder war er mir ausgewichen. Dabei hätte ich zu gerne gewusst, ob es nach dem Tod noch Träume gab. Aber Nachhaken hatte keinen Sinn, das wusste ich aus Erfahrung.
Doch die Spuren ließen mich nicht mehr los. Wieso hinterließ jemand so tiefe Gräben? Als ich meinen Traumbegleiter darauf ansprach, meinte er:
„Nur wenige Menschen verschwinden spurlos aus der Welt. Ein Foto, vielleicht sogar ein kleines Kunstwerk oder ein Bauwerk, ein Musikstück oder Buch. Die meisten Spuren verschwinden bereits nach einigen Jahren. Doch einige sind davon besessen, Spuren zu hinterlassen die alle Zeiten überdauern. Und sie tun das nicht nur in der Wirklichkeit, sondern auch in ihren Träumen.“
Eine interessante Theorie, fand ich. Doch wieso ausgerechnet Gräben? Wieso keine Bauwerke, Kunstwerke oder gar Meisterwerke?
Wieso häufig schien er meine Gedanken lesen zu können:
„Was im wirklichen Leben als ein Kunstwerk erscheint, ist oft im Traum nur noch ein simples Machwerk oder eben ein Graben.“
Dabei gab es auch hier im Traumland Kunstwerke, ich hatte sie schon gesehen. Gezwirbelte Türme, die in die Wolken ragten, seltsame Maschinen, Klangtempel, aus denen Engelsmusik drang und wunderschöne Gärten in perfekter Harmonie.
„…und Brücken“, ergänzte der Gesichtslose meine Gedanken. „Sie sind das Gegenstück zu den Gräben.“
„Ja, Brücken, welchen Meisterleistungen in der Wirklichkeit sie wohl entsprechen?“
Der Gesichtslose hüstelte. „Manchmal braucht es nur die richtigen Worte um Brücken zu schlagen.“
Heute schon eine Brücke gebaut? Euer Traumperlentaucher



