Gerade habe ich den sogenannten
Synthesebericht 2035 des Schweizerischen Bundesamtes für Energie durchgewälzt. Ein mühsames Unterfangen, der Autor sollte sich in Zukunft besser auf Bedienungsanleitungen für Kühlschränke konzentrieren.
Immerhin lässt sich aus der Zusammenfassung erahnen, dass da unter Einsatz von Steuergeldern Beamtenköpfe Szenarien ausgedacht haben – zwei Jahre lang. Sicher mit kräftiger Mithilfe einer elektrischen und einer ölgeschmierten Lobbytruppe. In der Privatwirtschaft braucht man dafür ein Wochenende!
Der Bericht ist total stromorientiert und diesbezüglich auch sehr interessant, sofern man die Geduld aufbringt, in diesem unstrukturierten Geschwurbel zu lesen. Er zeigt z.B., wie sehr wir beim Strom im Clinch stecken. So wird denn im Bericht auch die Befürchtung geäußert, dass bei einer europaweiten Kältewelle in einem der nächsten Winter die Gefahr eines Blackouts, eines Netzzusammenbruchs besteht.
Doch der Strom ist nur eine Seite der Münze und wie gestern erwähnt, sollte man sich angewöhnen, immer beide Seiten zu betrachten. Ich habe mir mal die fossile Seite angesehen.
Am Ende der Zusammenfassung, die keine ist, steht der denkwürdige Satz:
Aktuelle Energiepreise, die Konjunkturlage, Meldungen über Pioniertaten oder Pannen beeinflussen unweigerlich die Einschätzung der Energiezukunft, sind jedoch als langfristige Perspektiven ungeeignet. Ausgegangen wird von langfristigen Trenderwartungen.
Darum ist auch nicht verwunderlich, wenn man dann weiter unten findet:
Rohölpreise: Variante 30 USD/Fass geht bis 2030 von einer real konstanten Entwicklung der globalen Rohölpreise aus (in Preisen von 2003). Danach steigen sie auf 50 USD/Fass real in 2050. In laufenden
Preisen bedeutet dies 59 USD/Fass in 2035.
Da haben wir zur Zeit wohl gerade eine nicht trendrelevante Panne ;-) aufgrund mangelnder Beamtenfantasie
Doch dann scheint Moritz Leuenbergers geschützte Werkstatt doch noch kalte Füße bekommen zu haben: Ein Höchstpreisszenario wurde hastig nachgeschoben und man liest unvermittelt:
Unter der Annahme, dass der Höhepunkt der Rohölförderung schon im Jahre 2010 erreicht werden sollte, ergibt sich, je nach Szenario, ein langfristiger realer Rohölpreis von 65 bis 80 USD/Fass.
Welche Überraschung: Erstmals taucht auch der Peak Oil beim BFE auf, wenn auch nicht unter diesem Namen, dafür schon für 2010!
Diese Passage steht aber in krassem Widerspruch zu dem verpolitisierten Blabla des restlichen Berichts, dort spricht man noch von Reservereichweite und nicht vom Fördermaximum. Verfügbarkeit wird mit Reserven gleichgesetzt, der übliche Denkkurzschluss der Nationalkomiker.
Und dann gibts wieder Schlaftabletten:
Rohölpreise über 80 USD/Fass können jedoch nur erreicht werden, wenn die Verfügbarkeit von Energieträgern wie Kohle und Erdgas stark eingeschränkt würde. Beispielsweise kann Kohle zu deutlich tieferen Kosten produziert und (inklusive Abscheidung und Lagerung der dabei entstehenden CO2-Emissionen) verflüssigt werden, was einen durchschnittlichen Rohölpreis in dieser Höhe im Zeithorizont2035 als sehr unwahrscheinlich erscheinen lässt. Nicht berücksichtigt sind dabei kurz- bis mittelfristige Kapazitätsengpässe und spekulatives Verhalten der Marktteilnehmer.
Die Kohle soll es also richten.
Leider lese ich nichts darüber, wo die Kohleverflüssigungsanlagen stehen, die den weltweiten Förderrückgang beim Öl nach dem Peak auffangen sollen, und woher die Kohle kommen soll. Gar nicht zu reden von Berechnungsgrundlagen für die optimistische Preisschätzung. Sicher, wenn wir wiederum nur die Reserven betrachten, so reicht die Kohle wesentlich weiter als das Öl, vielleicht 200 Jahre – beim heutigen Verbrauch notabene.
Und die Technologie ist ebenfalls da und bestens bewährt. Südafrika deckt zum Beispiel den größten Teil seines Treibstoffbedarfs aus Kohle. Ein Überbleibsel aus der Zeit des Boykotts aufgrund der Apartheidpolitik.
Und China bastelt auch schon fleißig am Verflüssigen. Die wollen ja alle auch noch Auto fahren. Doch die Welt verbraucht pro Tag 85 Millionen Fass Erdöl. Wenn wir jetzt den Peak Oil erleben und mit einem Abstieg von 4-6 Prozenten pro Jahr rechnen, dann muss die Kohle aber kräftig Gas geben.
Dieses immer wahrscheinlicher werdende Szenario wurde überhaupt nicht durchgedacht. Ist ja wohl nur eine momentane Panne außerhalb des Trends.
Mein persönlicher Tipp ans BFE: Das nächste Mal anstelle der Erdöllobby die Kohlelobby einladen, nicht mehr Reserven mit Verfügbarkeit verwechseln ;-) und darauf achten, dass bei Preisschätzungen auch alle graue Energie berücksichtigt wird (EROEI!)
Und vergesst das mit dem Gas um die Stromlücke zu schließen. Gas wird noch rascher knapp als Öl. Außerdem müssten dann unsere Politiker und Banker plötzlich nicht mehr nach der US-Pfeife tanzen, sondern vor Putin kuschen, und das nennt man dann „vom Regen in die Traufe geraten.“
Aber Leuenbergers Truppe scheint das zu wissen. Steht doch im Bericht:
Deshalb spielen in der Schweiz abschaltbare Erdgaskunden (Zweistoff-
Kunden) eine wichtige Rolle.
Das sollte man sich merken, wenn man unbedingt ans Gas will.
Einen wunderschönen Herbsttag, Euer Traumperlentaucher