Traumpillenhändler
| Von traumperlentaucher @ 11:39 | [ Gedanken & Beobachtungen ] |

„La crise n’existe pas“, titelt die Weltwoche auf ihrer Online-Plattform.
Wegen der robusten Binnenkonjunktur würden wir nur „einen Klacks“ abbekommen. Diese Rezession sei im historischen Vergleich nicht dramatisch, von Depression könne keine Rede sein und wir würden auf hohem Niveau jammern. Sicher, das tun wir. Doch der Schreiber ist ein Traumpillenhändler, wie sie zurzeit zu Tausenden durch die Medien geistern, und er unterschlägt dabei das Wesentliche für seine "Alles wird gut Illusion" .
Auch in den USA versucht die Regierung krampfhaft den Schein zu wahren. „Jobless Recovery“, ist das Stichwort, eine Erholung der Wirtschaft bei hoher, bzw. steigender Arbeitslosigkeit.
Diese „Jobless Recovery“ wird getrieben durch die riesigen Summen, die in den Bankensektor gepumpt wurden. Ein Zaubertrick, der den Abstieg verzögert aber nicht verhindern kann. Aber er ermöglicht es den Protagonisten, noch eine Weile so weiterzumachen wie bisher und ihr Scherflein auf die Seite zu schaffen. Am Ende dieser Strasse wartet das Inflations-Ungeheuer und würde uns vermutlich alle in den Abgrund stürzen, wenn man nicht schon das Rezept in der Hinterhand hätte, um es zu besiegen: Eine neue Währung anstelle des Dollars, bzw. eine neue Weltwährung. Verbunden mit einem Schuldenverzicht der meisten Gläubiger.
Doch bis dahin wird es noch eine Weile dauern. Länger als die Meisten denken. Und genau das ist das Problem des Artikelschreibers in der Weltwoche: die Geschwindigkeit mit der das Unheil über uns hereinbricht.
Da ist kein Börsencrash, keine Systemimplosion, die uns innert Tagen in eine Depression von apokalyptischer Größe befördert. Das hat man heutzutage gut im Griff und wenn nötig werden einfach über Nacht die Spielregeln geändert.
Nein, das Ungeheuer schleicht sich langsam an uns heran. Wir spüren seinen fauligen Atem, wir fühlen seine Nähe, aber wir nehmen es kaum war. Dafür ist es zu langsam.
Denn wir kurzlebigen und kurzdenkenden Menschen haben mit der Geschwindigkeit ein Problem: Wir können das Fließen eines Gletschers nicht wahrnehmen, genauso wie wir die fliegende Gewehrkugel nicht sehen können. Der Gletscher ist für uns zu langsam, die Gewehrkugel zu schnell. Doch die Auswirkung beider Extreme können wir sehr wohl spüren.
Und so werden wir auch das langsame Fortschreiten der Krise in der Schweiz zu spüren bekommen, ja, gerade in der Schweiz. In diesem winzigen, überbevölkerten Staat, der immer mehr mit dem Rücken zu Wand steht und dessen Elite die Welt nicht mehr begreift.
Denn unseren Wohlstand haben wir nicht der "robusten" Binnenkonjunktur zu verdanken, wie der Schreiberling suggeriert. Sondern ausschließlich unserer Exportwirtschaft und insbesondere unserem extrem aufgeblähten Bankwesen, das zu einem guten Teil von der Steuerhinterziehung und der Kriminalität lebt.
Doch für beide Wirtschaftszweige wird es zunehmend schwierig.
Jesse hat den Zustand der Welt in seinem Café Américain in einem Satz zusammengefasst:
“The current state of economics is most remarkable for its arrogant complacency in the face of two failed bubbles, a near systemic failure, a pseudo-scientific perversion of mathematics exposed, and an incredible capacity for spin and self-delusion.”
Und auf die provokante Frage des Weltwochenschreibers: „Krise? War da was?“, antwortet ein Kommentator:
„Bis auf insgesamt 11 Billionen US-Dollar, die die internationale Staatengemeinschaft zur Rettung ihrer Finanzinstitute, maroden Firmen und in ihrer Konjunktur gesteckt haben, ist eigentlich nichts passiert, nein."
Und weiter schreibt er:
"Im Kampf gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Europäische Union alleine von Oktober 2008 bis Mitte Juli 2009 staatliche Garantien für Banken und weitere Finanzdienstleister im Umfang von 31,2 Prozent der Wirtschaftsleistung (oder 2,9 Billionen Euro) aller 27 Mitgliedstaaten genehmigt.“
Darum wird auch die neue deutsche Regierung, die vor den Wahlen angekündigten Steuererleichterungen nicht gewähren können. Im Gegenteil! Die Steuern werden massiv erhöht werden müssen. Das wird den Sumpf noch vergrößern, in dem unser wichtigster Handelspartner steckt.
Und es wird auch den Druck auf unseren Bankenfilz erhöhen, endlich mit den Milliarden herauszurücken. Wie entgegnete doch der italienische Finanzminister Tremonti kürzlich unserem unglücklichen Herrn Merz, als dieser ihm vorschlug, das Doppelbesteuerungsabkommen zu revidieren: „First, I want money!“
Nächstes Jahr werden wir uns noch wundern, wie hoch die Arbeitslosigkeit hierzulande klettern kann und über den Druck unserer lieben Nachbarn, Geld herauszurücken. Ende nächstes Jahr werden viele Spielregeln wieder anders lauten, und kaum eine zu unseren Gunsten. Auch wenn ich am „Ende der Welt im Jahre 2012“ zweifle, so glaube ich doch, dass wir bis dann in einem riesigen Schlamassel stecken werden, den wir uns noch gar nicht ausmalen können und wollen. 2012 könnte tatsächlich ein Schnittpunkt werden.
Doch jetzt lassen wir einmal die ersten Novemberstürme durchs Land ziehen und genießen die Stimmung dieser Jahreszeit. Schließlich leben wir heute. Euer Traumperlentaucher












