2009-11-25

Konsul Tanten

Von traumperlentaucher @ 09:16 [ Erinnerungen ]


Das Ende naht, die Zeit ist reif, bringt euch alle in Sicherheit!
Doch wohin?
Natürlich auf meine neue Bloginsel:

http://traumperlentaucher.wordpress.com/

Denn für dieses Blog hier, läuten bereits die Totenglocken. Ende Jahr sei Schluss, sagt die Swisscom. Ersatzlos gestrichen, Speicher gelöscht, Laden dicht.
„Aus betrieblichen Gründen“, heisst es. „Nur Kosten, kein Nutzen“, lautet die gängige Übersetzung für solche Platitüden. „Blogs konkurrenzieren die eigene Nachrichtenplattform und werden durch die Macher derselben abgesägt“, lautet eine Verschwörungstheorie.

Das erinnert mich an eine Geschichte, die mir ein alter Freund erzählte. Natürlich ohne Gewähr und Anspruch an die Wirklichkeit:
Als die Swisscom noch mit der Post unter dem Kürzel PTT vereint war und die ersten Autotelefone aufkamen, habe man von externen Experten eine Studie über die Zukunft der mobilen Telefonie machen lassen.
Nun, mit externen Experten, sogenannten Konsul-Tanten, ist das so eine Sache. Ich hatte mal MacSchrott im Haus und da lief die Geschichte so: Die MacSchrotts fuhren in dunklen Limousinen vor wie in einem CIA-Film und schritten gemächlich und distanziert durch den Betrieb. Frisch gegelt und geschniegelt als kämen sie direkt aus dem Kleidergeschäft und von der Mani-Pedi-Fudikür. Das war aber das einzige Mal, wo sie von der Mannschaft gesehen wurden. Der Rest spielte sich hinter verschlossenen Türen ab. Dort befragten sie ausgewählte Kader zum Thema. Gekostet hat die Übung ein Vermögen und das Resultat war eine Zusammenfassung von dem, was unsere Leute erzählten. Wir hätten also ebensogut unsere eigenen Experten befragen können.
Doch zurück zur PTT, die später Telecom hieß und heute Swisscom ist. Minus den Postteil, aber das ist ein anderes Thema aus dem gleichen „Spital“ („Krankenhaus“, für meine deutschen Leserinnen und Leser).
Die Konsul-Tanten, die die Zukunft der mobilen Telefonie untersuchen sollten, kamen aufgrund der Gespräche mit den PTT-Experten zu folgendem Schluss:
Die Zukunft der kabellosen Telefone beschränke sich auf den Kundenkreis der Geschäftsführer und Kader von Betrieben. Typischerweise würden die Geräte in Mercedes eingebaut, damals offenbar das Standardfahrzeug der Patrons.
Kein Gedanke an Handys, kein Gedanke an telefonierende Kids, nix.

Die gleiche Leier wie früher bei der Einführung des Radios in der Schweiz. Er werde es nie zulassen, dass dieses Medium in der Schweiz Fuß fasse, ließ damals ein „PTT-General“ verlauten.

Jetzt sind die Blogs dran. Kein Wunder: Die Online-Zeitungen sind allesamt defizitär und quersubventioniert. Von dem bisschen Reklame, die sowieso kein Schwein anklickt, und etwas Lifestyle-Geschwurbel lässt sich kein Redaktionsteam durchfüttern. Das hat jetzt auch der Murdoch aus Down-under gemerkt, der famose Besitzer des Desinformationssenders Fox-News.

Das Interessanteste an Online-News sind übrigens die Kommentare in den zugehörigen Foren, soweit diese nicht aus Angst bereits abgeklemmt wurden.

Wäre ich MacSchrott und bekäme den Auftrag, die Newsplattform der Swisscom zu beurteilen, käme etwa Folgendes heraus:
Blablabla, blablabla, die Swisscom ist ein Kommunikationsunternehmen und keine Zeitung, blablabla, blablabla, und hat hier noch ein Sparpotenzial…

Nein, ich habe nichts Schlechtes gefrühstückt und auch nicht Kraut geraucht. Euer Traumperlentaucher

2009-09-20

Tempus fugit

Von traumperlentaucher @ 21:36 [ Erinnerungen ]


Schon bald habe ich wieder Geburtstag. Was glaubt ihr, wie alt werde ich?

Als ich geboren wurde, hatte noch niemand einen Fernseher. Ganz einfach aus dem Grund, weil es noch keine Fernsehsendungen gab. Dafür hörte man Radio. Beromünster auf Mittelwelle oder über Telefonrundspruch. UKW war noch wenig bekannt.
Den Transistor hatte man zwar schon erfunden, aber die Geräte liefen alle noch mit Röhren. Sie glühten hübsch im Dunkeln und spendeten zuätzlich Wärme. Nicht unwillkommen, denn die Winter verdienten noch ihren Namen und man heizte mit Holz oder Kohle.
Am Abend sass die ganze Familie zusammen, hörte Radio, las oder spielte Karten. Am Sonntag ging man in die Kirche. Geschieden wurde kaum, man blieb zusammen. Patchwork-Familien waren exotisch. Abgesehen davon war das Konkubinat sowieso verboten.
Kreditkarten, Mikrowellenöfen, Taschenrechner, Computer, Handys, CD oder gar DVD gab es noch nicht. Dafür gab es Schallplatten und für Musikliebhaber Tonbandgeräte, grosse Maschinen, mit denen man Sprache und Musik auf Bänder aufzeichnen konnte, die auf Spulen aufgewickelt wurden. Aus China kam höchstens Tee, Japan war der aktuelle Billigproduzent.
Autos waren selten, etwa ein Hundertstel von dem was heute so rumfährt. Allerdings gab es hierzulande auch noch keine Autobahnen. Gefahren wurde so schnell man wollte oder konnte, ohne Sicherheitsgurte notabene. Von Airbags hatte noch niemand etwas gehört. Mein Vater hatte einen Wagen, bei dem man im Kofferraum zusätzliche Sitze aufklappen konnte und den man ankurbeln musste. Auch mit dem Töff (Motorrad) war man ohne Helm und Schutzkleidung unterwegs. Benzin war so billig, dass sich niemand über den Verbrauch der Fahrzeuge Gedanken machte, geschweige denn zu CO2.
Selbstbedienungsläden existierten nicht, man musste die Bedienung nach den Waren fragen. Das Sortiment war übersichtlich klein und vieles kaufte man offen. Tiefkühlprodukte existierten nicht, aber es gab schon die Toblerone, Maggi-Würze und Thomy-Mayonnaise.
Im Winter hatte es viel Schnee und Teiche und Bäche waren auch im Unterland zu gefroren. Sogar grosse Seen, wie der Zürichsee froren manchmal zu und man konnte darauf Schlittschuh-laufen. Zum Skifahren brauchte man keine speziellen Anzüge oder Schuhe. Man schnallte sich die Skier mit einfachen Kabelzügen an. Sicherheitsbindungen waren unbekannt. Dafür musste man die Skier wachsen...und wehe man erwischte den falschen Wachs. Dann blieb man stecken.
Die Nylonstrümpfe, die damals aufkamen, hatten noch eine Naht, Antibabypillen existierten noch nicht, aber es gab auch kein Aids. Die Frauen hatten hierzulande noch kein Stimmrecht und selten einen Führerschein.
Automatische Waschmaschinen und Staubsauger waren Luxus. Geschirrspüler und Wäschetrockner gab es noch nicht.

Natürlich gab es damals auch kein Blog, kein Facebook und kein Twitter und wenn man sich auf der Schreibmaschine vertippte musste man radieren. Euer Traumperlentaucher

2009-08-19

Von Affen lernen

Von traumperlentaucher @ 07:26 [ Erinnerungen ]


Jahrzehntelang habe ich Bananen am falschen Ende aufgemacht, bis ich sah wie es die Affen machen. Jetzt frage ich mich, was ich sonst noch alles am falschen Ende anpacke. Vielleicht hätte ich fleissiger den Zoo besuchen sollen. Vielleicht war ich einfach nicht aufmerksam genug. Oder es liegt daran, dass ich nie eine neunte Klasse besucht habe.
Oft frage ich mich, was ich wohl in der Neunten verpasst habe. Einen Teil der Weltgeschichte, wichtige mathematische Formeln? Würde ich heute die Kommata an der richtigen Stelle setzen? Oder hätte ich die Bananen bereits nach der Schule am richtigen Ende aufgemacht?
Mit der Neunten im Rucksack wäre mein Lebensweg vielleicht ganz anders verlaufen. Vielleicht hätte ich einen anderen Beruf ergriffen, wäre anderen Frauen begegnet und würde heute kein Blog schreiben. Vielleicht wäre ich sogar Präsident geworden, irgendwo von Irgendwas.
Doch meine Lehrer sahen es damals anders: Zweimal die Achte das reiche. Zumal beim zweiten Mal die Noten noch schlechter waren. Ich sei ein hoffnungsloser Träumer, meinten sie. Ihre Prognosen für meinen weiteren Weg waren düster.
Doch bis heute habe ich nicht herausgefunden, was am Träumen so schlecht sein soll. Ich sollte mal wieder in den Zoo gehen, vielleicht finde ich dort die Antwort.

„Träume gehören ins Bett, wie Bäume in den Wald“, sagte mir mal einer. Doch so einfach ist die Welt nicht. Euer Traumperlentaucher



2009-08-05

Abschied von einem Leser

Von traumperlentaucher @ 09:50 [ Erinnerungen ]


Er war vermutlich mein eifrigster Leser. Er hat alle meine Blogbeiträge ausgedruckt und wir haben ab und zu über Email unsere Gedanken ausgetauscht. Aber er war für mich noch mehr als ein Leser, er war ein Freund mit dem ich nicht nur ein Hobby, sondern auch wichtige Träume teilte. Zum Beispiel den Traum vom Jakobsweg, von der grossen letzten Wanderung nach Santiago de Compostella und zu sich selbst. In vielem glichen sich unsere Ansichten, Gedanken und Gefühle.
Gestern habe ich mich von ihm verabschieden müssen. Als ich in der Kirche seinen Lebenslauf hörte, verfasst von einem Verwandten, wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr Lebensläufe täuschen können. Das Wichtigste steht oft nicht darin und sie geben ein verfälschtes Bild des Menschen wieder. Nicht nur die Lebensläufe, die man zur Stellenbewerbung verwendet, auch beim Lebenslauf am Ende unseres Lebensweges. Letzteres ist besonders schmerzlich, denn der Betroffene kann nichts mehr dazu sagen, kann nichts mehr ergänzen oder richtig stellen.
So hörte die Trauergemeinde nichts von dem, was ihn so sehr bewegte und auch bedrückte: Von der Elektrosensibilität seiner Partnerin, die immer extremere Züge annahm und von seinen Gedanken, sich deshalb von ihr zu trennen, obschon er sie liebte. Sie hörte auch nichts von der drückenden Last, die sein Sohn für ihn war, der in seiner eigenen Welt lebt und sie hörte nichts über seine kritischen Gedanken zu unserer Welt, welche sich seiner Meinung nach an einem entscheidenden Wendepunkt befindet. Auch nichts davon, dass er eigentlich genug hatte von diesem Leben.

Gegangen ist er plötzlich, ohne Vorwarnung, ohne Abschiedsworte: Hirnschlag. Ein „sauberer Abgang“, wie ein Anwesender despektierlich meinte. Auch wenn dieser viel zu früh erfolgte, so beneide ich ihn doch darum und ich hoffe, dass das Schicksal für mich eine ähnliche Variante bereit hält. Apropos: Wenn es soweit ist: verbindet dem Pfaffen das Maul, esst und betrinkt euch auf meine Kosten, spielt nochmals mein Lieblingslied und bringt meine Urne an einen geheimen und einsamen Ort wo ich die Alpen sehen kann.
Auch wenn er nie einen öffentlichen Kommentar zu meinem Blog verfasste, so werde ich ihn doch vermissen. Ich wusste, dass er da war und meine Zeilen las, ich wusste, dass er meine Gedanken und Träume mit mir teilte, das genügte mir.

Der Pfarrer spulte seine Schau ab, die harten Kirchenbänke drückten, die Orgel spielte bedächtig. Das Wichtigste im Leben sei Glaube, Hoffnung und Liebe, predigte der Gottesmann von der Kanzel. Die ersten Zwei hätte er meinetwegen ruhig streichen können. Nichts als Marketingargumente seiner Organisation. Doch wie ist es mit der Liebe? Was oder wen hat mein vergangener Leser wirklich geliebt? Wurde auch er wirklich geliebt? Wird die Liebe der Zeit standhalten, Leben und Tod überdauern, wie der Gesichtslose meint?
Natürlich meinte der Pfarrer die göttliche Liebe Agape und nicht etwa Philia oder gar Eros. Mag sein, dass es diesen „lieben Gott“ gibt, ich weiss es nicht. Andernfalls möge mein Freund in Frieden ruhen, bis ans Ende der Zeit. Was bleibt ist die Erinnerung.
Euer Traumperlentaucher

2009-06-25

Verunsicherung

Von traumperlentaucher @ 07:05 [ Erinnerungen ]


Als ich mich an diesem Samstag vor vielen Jahren ins Auto meiner Partnerin setzte, ahnte ich nicht, wie brenzlig dieser Tag werden würde. Gedankenabwesend drehte ich den Zündschlüssel. Der Anlasser ächzte müde, die Kontrollleuchten erloschen. Aha, die Batterie im Eimer. Kein Problem dachte ich, ich hatte ja noch eine auf Reserve. Ich entriegelte die Motorhaube. Doch dann erhaschten meine Augen den feinen weißen Rauch, der aus dem Motorraum drang wie nach einer Papstwahl. Verdammt, da brennt was! Ich drückte den Türöffner. Nichts! Die Fahrertür ließ sich nicht öffnen. Meine Gedanken begannen sich zu verknoten. Das war ja wie in einem schlechten Film. Ich hebelte wie ein Verrückter an der Tür. Du wirst im Auto verbrennen, sagte mir eine innere Stimme. Ach was, Autos brennen nicht so rasch, sagte eine andere. Die Situation war so komisch, dass ich unwillkürlich lachen musste. Sollte ich eine Scheibe einschlagen? Da war ja noch die Beifahrertür, kam mir endlich in den Sinn. Ich zwängte mich hinüber und hebelte an der Tür. Auch sie war nicht zu öffnen. Der Rauch aus dem Motorraum wurde dicker. Ich spürte einen Anflug von Panik.
Doch plötzlich gab die Tür nach. Wieso weiß ich heute noch nicht. Ich sprang aus dem Wagen und öffnete die Motorhaube. Der Anlasser brannte. Ich rannte ins Haus und holte den Feuerlöscher.

Groß war der Schaden nicht, ein paar verbrannte Kabel und ein ausgebrannter Anlasser. Die Versicherung ließ den Wagen abholen und zur Werkstatt bringen. Am nächsten Tag telefonierte der Versicherungsexperte:

„Wir werden die verbrannten Kabel bezahlen, den Anlasser müssen Sie jedoch selbst übernehmen.“
„Wieso denn? Fahrzeugbrand ist doch in der Teilkasko!“
„Feuerschäden, um genau zu sein. Wir unterscheiden zwischen Ursache und Wirkung. Die Brandursache – in Ihrem Fall der Anlasser – vergüten wir nicht. Denn das war ein Defekt und Sie haben ja keine Reparaturversicherung.“
„Und was ist, wenn ein Wagen vollständig ausbrennt?“
„Dann lässt sich die Brandursache meistens nicht mehr feststellen und wir übernehmen den ganzen Schaden.“
„Dann hätte ich die Karre brennen lassen sollen?“
„Das macht doch kein vernünftiger Mensch.“
Ich fluchte im Stillen und nahm mir vor, das nächste Mal die Feuerwehr zu alarmieren, anstatt selbst zu löschen. Ohne Hektik, versteht sich.
„Hören Sie, wir sind seit Jahrzehnten Kunden bei Ihnen und hatten noch nie einen Teilkaskofall.“
„Das interessiert mich nicht, ich bin Experte und kein Versicherungsverkäufer.“
„Vielleicht war es gar nicht ein defekter Anlasser, vielleicht war der Kurzschluss anderswo“, schlug ich vor.
„Wollen Sie mich belehren. Sind Sie der Experte oder bin ich es?“
„Ich will Ihnen nicht am Zeug flicken, Sie sind natürlich der Experte, aber bei allem Respekt, könnte es nicht sein, dass zum Beispiel ein Marder den Kurzschluss verursacht hat?“ Dann müssten Sie nach Ihrer Logik zwar den Marder nicht bezahlen, aber den ganzen Rest, wollte ich noch anfügen, aber ich biss mir auf die Zunge.
„Dann wollen Sie also einen Marderschaden und keinen Feuerschaden anmelden?“
„Wenn das hilft, Ja. Bei uns sind die Tiere eine wahre Plage. Kürzlich haben die Viecher das Auto des Nachbarn und gleichzeitig das unseres Besuchs angefressen.“
„Ob das ein Marderschaden war, lässt sich leider jetzt nicht mehr feststellen“, grummelte der Experte.
„Es muss einer sein“, insistierte ich. „Anlasser brennen nicht von selbst. Ich bin zwar kein Experte, aber Elektroingenieur“, spielte ich meinen letzten Trumpf aus.
„Gut, nehmen wir an, es sei ein Marderschaden. In diesem Fall bezahlen wir ihren Anlasser.“
Nette Tiere, diese Marder. Euer Traumperlentaucher

Bild: Von Heinz

2009-05-31

Ein Augenblick wie eine Fotografie

Von traumperlentaucher @ 21:45 [ Erinnerungen ]


Eine Birke auf einer kleinen Insel vor Venedig, älter und südlicher als die meisten ihrer Gattung. Eine Hand, die sie berührt. Ein kleiner Junge, der sie spürt. Schaumkronen auf den Wellenkämmen, Blumenkohlwolken schleppen dunkle Regenmäntel. Ein stilles Gespräch zwischen ungleichen Partnern. Zuneigung wird geboren. Ein Augenblick wie eine Fotografie. Er wird sich immer daran erinnern.

Im Greyhound irgendwo zwischen Boston und New York. Sie schläft an seine Schulter gelehnt. Er spürt ihre Träume. Seine Augen suchen in der Dunkelheit jenseits des Fensters nach der Zukunft. Ihre Zukunft? Seine Zukunft? Ein Augenblick wie eine Fotografie. Sie werden ihn nie vergessen.

Die Bank unter der alten Buche. Der Sommerwind spielt mit den Blättern und zeichnet Muster in das reife Ährenfeld. Schneebedeckte Viertausender in der Ferne wie mit einem feinen Pinsel gemalt. Die zwei Menschen sitzen schweigend da und doch verstehen sie sich. Ein Augenblick wie eine Fotografie. Beiden unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt.

Erinnerungen verbinden Menschen und oft auch Traum und Wirklichkeit. Euer Traumperlentaucher

2009-05-07

Die Umarmung der Toilettenschüssel

Von traumperlentaucher @ 08:15 [ Erinnerungen ]


Ich war achtzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Toilettenschüssel umarmte. Seither habe ich Respekt vor ihr. Ich weiss, dass sie eine unnachgiebige Partnerin für schlimme Stunden ist. Sie hat nie Erbarmen gezeigt, auch wenn ich neben ihr geschlafen habe. Sie hat auch nie gelächelt, sondern nur laut gurgelnd gelacht, wenn meine Hand die Spülung ertastete. Beim ersten Mal habe ich mit ihr über die Grenzen des Alkohols meditiert, beim zweiten Mal über verdorbenen Fisch. Sie zu erreichen, war immer ein Wettrennen mit der Zeit. Mit dem Fisch habe ich es nicht ganz geschafft und sie schon aus drei Metern Distanz angesprochen. Leider war der Deckel zu. Immerhin ist sie eine geduldige Zuhörerin, auch wenn man in diesen trüben Stunden nicht sehr gesprächig ist.
Mit der Toilettenschüssel ist man am liebsten alleine. Das trifft sowohl für die alltäglichen Rendezvous zu, bei denen es nicht zu innigen Umarmungen kommt, wie auch bei diesen speziellen Begegnungen, die man später am liebsten aus seinen Erinnerungen tilgen möchte.
Trotzdem kann es vorkommen, dass man zur Schüssel begleitet wird. Zum Beispiel dann, wenn einem die eigenen Beine den Dienst versagen und sich die Welt in ein Karussell verwandelt. Auch ich habe schon jemand zu diesem speziellen Rendezvous begleitet. Einerseits froh, dass ich nicht in ihren Schlund blicken musste um mit ihr Zwiesprache zu halten, anderseits benebelt genug, um die anstehende Prozedur mit Gleichmut zu ertragen. Hatte ich doch zuvor den Tequila-Kampf gegen meine Gegnerin gewonnen. „Wie unfair“, werdet ihr jetzt sicher monieren, „Mann gegen Frau, dabei ist doch jedem klar, dass Frauenzimmer weniger Feuerwasser ertragen.“ Zu meiner Entlastung kann ich aber sagen, dass sie mich herausgefordert hat und dass ich sehr wohl Frauen kenne, bei denen Alkohol keine Wirkung zeigt. Sie saufen wie schwarze Löcher und scheinen immun zu sein.
Geschlagene drei Stunden habe ich mit den Zweien verbracht, meiner geschlagenen Gegnerin und der Schüssel. Die Schüssel hat sich dabei aufs Zuhören und ich aufs Zureden konzentriert. Gut, dass der nicht so flotte Dreier in einem Happy End geendet hat. Gut, dass die Schüssel so verschwiegen ist. Aber das kann man auch von ihr erwarten, schliesslich ist sie unsere Partnerin in unseren intimsten und in unseren schlimmsten Momenten.

Umarmt nicht jedes Scheisshaus. Euer Traumperlentaucher

Bild: von Bara-Bara und Staubfinger

2009-04-24

Morsesignale

Von traumperlentaucher @ 14:43 [ Erinnerungen ]


Zu Beginn des letzten Jahrhunderts gab es noch keine Handys und kein Fernsehen und niemand konnte mit dem Begriff „Computer“ etwas anfangen. Es war die grosse Zeit der Funkpioniere. Nachrichten wurden im Äther ausschliesslich in Telegrafie ausgetauscht. Dazu mussten die Operateure nicht nur das Morsealphabet beherrschen, sondern auch ein ganzes Vokabular an Abkürzungen. Einige davon haben sich auch ausserhalb des Funkverkehrs eingenistet und bis heute überlebt. CU für see you, oder WX für Weather (Wetter), aber auch ROTFL - Rolling on the floor laughing, das man heute noch ab und zu im Internet antrifft. Viele Ausdrücke werden übrigens noch heute im Funk verwendet, auch im Sprechverkehr.
Doch mit der Funktelegrafie entstanden nicht nur Abkürzungen, sondern auch Codes. Zum Beispiel die sogenannten Q-Codes, wie "QNH" für den Luftdruck, das noch heute im Flugfunk benutzt wird . Aber auch Zahlencodes. 73 heisst „Mit den besten Grüssen“ und 55 steht für „Viel Erfolg“. Funkerinnen waren und sind zwar selten anzutreffen, aber trotzdem gibt es die Zahl 88 für „Liebe und Küsse“. Doch Zahlen haben nicht nur im Funkverkehr eine Bedeutung. Sie gelangten manchmal auch zu zweifelhafter Bekanntheit. So ist 88 in Deutschland eine verpönte Zahl, wird sie doch unter Neonazis als verdecktes „Heil Hitler“ verwendet, denn das H ist der achte Buchstabe im Alphabet. Und im UKW-Sprechfunkverkehr hiess „88“ früher: „Patient verstorben.“
Schlimmer als die 88 ist nur die 666, aber die wird im Funkverkehr nicht verwendet. Die „mystische“ Bedeutung der Zahl 666 stammt aus der Offenbahrung des Johannes, der Apokalypse. Sie ist die Zahl des Tieres oder auch die Zahl des Antichristen.

Auch in SMS werden oft Abkürzungen gebraucht und einige davon stammen noch aus der Pionierzeit des Funkverkehrs. B4, zum Beispiel für Before. Aber per SMS kommunizieren hat ja auch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Morsetelegrafie, zumindest von der Geschwindigkeit her. Allerdings ist der 170 Jahre alte Morsecode immer noch schneller wie das folgende Video beweist. In einem Wettbewerb gewannen die Funker spielend gegen den schnellsten SMS’ler. Dabei hatten sie nicht einmal voll aufgedreht. Ein guter Operateur schafft locker 200 Zeichen pro Minute und liest dazu noch die Zeitung.

Soweit habe ich es nie angebracht, aber auch ich tausche ab und zu noch gerne Nachrichten über meine Amateurfunkstation mit einer alten Morsetaste aus.
Kürzlich fragte mich ein junger Fernsehtechniker, der im Nachbarhaus eine Glotze reparierte, nach dem Zweck des Drahtes, den ich vom Dach zum Fahnenmast gespannt hatte.
„Zum Morsen“, sagte ich und er sah mich zweifelnd an.
„Das gibt es doch gar nicht mehr!“
Als er mich dann fragte, wo ich morsen würde, sagte ich ihm "auf Kurzwelle und manchmal sogar auf Mittelwelle" (im 160m-Band). Prompt kam seine Antwort:
„Das glaube ich nicht. Die Mittelwelle wurde abgeschafft.“

Wenn etwas „abgeschafft“ wurde, heisst das nicht, dass es nicht mehr funktioniert ;-) Euer Traumperlentaucher.

Bild: "Traumlage", An dieser Stelle entsteht Mikes neues Haus

2008-12-16

Das Ende der Konsumtempel

Von traumperlentaucher @ 07:59 [ Erinnerungen ]


Als die ersten Konsumtempel ihre Pforten für die Gläubigen öffneten, war ich einer der ersten Besucher, und in der Folge pilgerte ich jeden Samstag in das Shoppyland in Schönbühl. In diesem Konsumwunderland, aufgebaut wie ein Labyrinth, mit Rolltreppen und einem Wasserspiel, mit Restaurants und Kinderkrippe, in diesem glitzernden Scheinparadies konnte man tausend Träume träumen. Allerdings konnte ich mir damals die meisten nicht leisten. Aber ich liebte es, den Menschen zuzusehen, wie sie berauscht vom Konsum durch die heiligen Hallen pilgerten.
Man schrieb das Jahr 1975. Damals kannte die Welt keine Grenzen, alles war lediglich eine Frage des technischen Fortschritts. Computer waren noch unverständliche und komplizierte Maschinen, um die sich die Studenten in den Universitäten rangelten. Die Zeit der Rechenschieber war gerade zu Ende gegangen und die Taschenrechner entwickelten sich zu voller Blüte.
Ansonsten war es ein ereignisloses Jahr. Nur an den Film Chinatown kann ich mich noch erinnern. Vermutlich wegen Jack Nicholson, meinem Lieblingsschauspieler.
Und an ABBA und Led Zeppelin, aber die gab es ja schon davor.

33 Jahre später: Wiederum wird ein Konsumtempel eröffnet, das Westside in Bern.
Viel schöner und grösser natürlich. Aber vermutlich einer der letzten weit und breit.
Die Zeiten dieser Tempel neigt sich dem Ende zu. Sie werden verschwinden wie die Rechenschieber. Vielleicht werden sie eines Tages zu Wohnungen und Handwerkszentren oder zu zerfallenden Museen.

Dieses Mal war ich nicht unter den Besuchern und ob ich mal hingehen werde, um den Wahnsinn dieser Welt zu bestaunen, steht in den Sternen. Ich bevorzuge einen Spaziergang im nahen Wald.

Euer Traumperlentaucher

2008-11-17

DIE WEISHEIT DER DAKOTA-INDIANER

Von traumperlentaucher @ 08:23 [ Erinnerungen ]


„Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab.“
Diese banale „Weisheit“ wird den Dakota-Indianern zugeschrieben.

Unsere „Weisheit“ ist da wesentlich differenzierter. Wenn wir merken, dass wir ein totes Pferd reiten so....

• ...besorgen wir uns eine stärkere Peitsche.
• ...wechseln wir den Reiter
• ...sagen wir: “so haben wir das Pferd doch immer geritten.“
• ...gründen wir eine Arbeitsgruppe um das Pferd zu analysieren.
• ...besuchen wir andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
• ...passen wir die Qualitätsstandards dem toten Pferd an.
• ...bilden wir eine Task Force, um das tote Pferd wiederzubeleben.
• ...intensivieren wir die Ausbildung, um besser reiten zu können.
• ...stellen wir Vergleiche unterschiedlicher toter Pferde an.
• ...ändern wir die Kriterien, die besagen, ab wann ein Pferd tot ist.
• ...lassen wir andere unser totes Pferd reiten (outsourcing)
• ...spannen wir mehrere tote Pferde zusammen, damit sie schneller werden.
• ...lassen wir das tote Pferd in China oder Vietnam reiten.
• ...stellen wir einen externen Berater ein, der uns sagt, wie man tote Pferde reitet.
• ...versuchen wir mit Geld das tote Pferd wieder zum Leben zu erwecken.
• ...erklärt das Marketing, dass unsere Pferde „besser, schneller und billiger“ tot sind.
• ...bilden wir einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung für tote Pferde zu finden.
• ...überarbeiten wir die Stellenbeschreibung der Reiter.
• ...tun wir einfach so, als würden wir ein lebendes Pferd reiten.

Doch oft merken wir gar nicht, dass wir ein totes Pferd reiten.

Das größte Glück der Pferde ist der Reiter auf der Erde (Pferdeweisheit). Euer Traumperlentaucher

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