Brief an einen EX-Chef
| Von traumperlentaucher @ 09:11 | [ Briefe ] |

Letzte Nacht habe ich davon geträumt, einen Brief an einen meiner EX-Chefs zu schreiben. Vielleicht hätte dieser etwa so ausgesehen:
Lieber Ex-Chef
Erst jetzt, Jahre nachdem wir uns getrennt haben, kann ich dich endlich richtig verstehen. Und erst jetzt sehe ich, wie es damals wirklich gewesen ist.
Deine militärische Art, mit den Armen auf dem Rücken in deinem Büro herumzustolzieren und in deinen Schuhen zu wippen, deine Facon an den Zähnen zu saugen, wenn du ein Frage gestellt hattest, die ich nicht beantworten konnte und deine Spezialität, deine Untergebenen bei jeder Gelegenheit blosszustellen, erweckten in mir damals tiefsten Widerwillen.
Zu Unrecht, wie ich heute zugeben muss. Erst jetzt habe ich erkannt, wie sehr du damals getrieben wurdest. Getrieben durch den Verwaltungsrat, der dir eine Riesenkarotte in Form eines Optionspakets vor die Nase gehängt hatte, anstatt dir einen Lohn zu bezahlen, der deinen Talenten entsprach. Getrieben von immer neuen Forderungen nach noch mehr Wachstum in Geschäftsfeldern, von denen du nichts verstanden hast.
Dabei warst du doch auch nur ein Mensch. Auch du hast dich tagelang gelangweilt in deinem Büro, im Internet herumgesurft und Papierflieger gefaltet. Auch du hast die Tage mit Kaffeetrinken totgeschlagen, weil einfach nichts los war.
Ich habe damals einfach nicht begriffen, wie schwierig dein Job war: Immer wieder mit seinen Untergebenen zu telefonieren, nach Projekt XY zu fragen und Termine zu verlangen, die sie nicht halten konnten. Immer wieder diesen Ohrfeigengesichtern im Verwaltungsrat erklären zu müssen, wieso der Profit nur um 30 und nicht um 100 Prozent gestiegen war, und ihre Fragen nach irgendwelchen Zahlen zu beantworten, die weder du noch sie verstanden hatten. Erst jetzt begreife ich, wie schwierig das für dich gewesen sein muss. Auch diese Interviews mit diesem störrischen Journalisten, der partout nicht schreiben wollte, was du ihm diktiert hast. Wenigstens haben die anderen gespurt. Diese Pressekonferenzen waren ja auch teuer genug. Wirklich mühsam, diese Märchenstunden, nur damit die Aktien wieder etwas höher strebten.
Ich kann dich auch verstehen, wie sehr du dich gelangweit hast, auf deinen Langstreckenflügen in der ersten Klasse und bei den Verhandlungen mit irgendwelchen Idioten, die dich nicht die Bohne interessierten. Darum kann ich auch nachfühlen, dass du spät abends deine Assistentin auf deinem Schreibtisch „zur Strecke“ gebracht hast. Wenigstens ein bisschen Abwechslung in diesem tristen Leben an der Spitze der Pyramide mit all diesen Menschen unter dir, die dir im Grunde genommen am Arsch vorbei gegangen sind und mit all diesen Heuchlern mit ihren tiefbraunen Zungen in der zweiten Reihe.
Ich hoffe für dich, dass du es schliesslich geschafft hast und sich dein Traum erfüllt hat: Der Traum vom Ausstieg aus diesem unsäglichen Leben – mit einer gehörigen Stange Geld versteht sich.
Dein mitfühlender Trauperlentaucher
Disclaimer: Dieser Beitrag ist frei erfunden und ironisch gemeint, Ähnlichkeiten mit Personen und Ereigissen aus der Wirklichkeit sind rein zufällig und ungewollt.
Mit einem Lächeln, Euer Traumperlentaucher
Bild: "Der Chef", von Mike



