2009-12-04

Mit dem Cadi ans Nordkap

Von traumperlentaucher @ 08:26 [ Begegnungen ]


Zurzeit lerne ich Norwegisch. Eine lustige Sprache zwischen Berndeutsch und Altenglisch, meint dazu mein Freund Armin. Als ich ihm eröffnete, ich wolle nächstes Jahr ans Nordkap fahren, meinte er:
„Da musst du aber vorsichtig sein, unter jeder Brücke hockt ein Troll.“
„Das ist ja ähnlich wie bei uns“, entgegnete ich, „doch hier sitzen sie in den Redaktionsstuben der Zeitungen.“
„Sieben davon haben sie ins Bundeshaus gesperrt“, feixte er. „Weißt du übrigens, dass in Norwegen die Berge höher scheinen, als sie sind?“
„Logisch, wenn man unten in den Fjorden auf Meereshöhe ist.“
„Nein, daran liegt es nicht. Die Längengrade sind schuld. Je weiter du nach Norden kommst, desto mehr laufen diese zusammen, bis sie sich schließlich am Nordpol treffen. Je enger sie beieinander sind, desto höher wirken die Berge.“
Ich schaute ihn skeptisch an, doch er fuhr unbeirrt weiter:
„Das ist auch der Grund, wieso die Straßen im Norden besser sind. Praktisch keine Schlaglöcher. Wegen den enger liegenden Längengraden ist das Lochraster kleiner.“
„Du veräppelst mich!“
„Am Nordpol wären die Straßen so fein wie der Hintern einer Achtzehnjährigen. Allerdings kann man dort nicht mehr asphaltieren, das würde das Eis schmelzen.“
„Spinner!“
„Wie willst du denn zum Nordkap gelangen?“
„Ich habe mir einen alten Cadillac gekauft, das ideale Expeditionsfahrzeug.“
„Eine gute Wahl“, meinte er. „Diese Straßenkreuzer halten auch den Elchen stand. Allerdings würde ich an deiner Stelle noch einen Elchfänger montieren.“
„Ich bin mehr für Prävention und habe ein Eisenbahnhorn bestellt. Es soll sogar Elefanten erschrecken.“

Ha det bra! Euer Traumperlentaucher

2009-10-23

Führungsloser Tango

Von traumperlentaucher @ 16:39 [ Begegnungen ]


Gestern war ich bei Armin zu Besuch. Er wirkte säuerlich und als ich ihn nach dem Grund fragte, erklärte er:
„Meine Partnerin hat mich in einen Tanzkurs geschleppt.“
Ich war baff, nicht wegen dem Tanzkurs, sondern wegen der Partnerin. Armin hatte zwar in seinem Leben viele Frauenzimmer gekannt, doch seit seine angebliche Haushälterin ausgezogen war, war er zu einem Einsiedler geworden.
„Du hast eine neue Freundin?“
„Nicht direkt, auf jeden Fall nicht, was du darunter verstehst. Ich war ja nie ein Frauenheld.“
Das sah ich allerdings anders. Ich grinste wie die Katze in Alice Wunderland.
„Für Frauen war ich immer bloß ein Freund, einer dem sie ihr Herz ausschütten konnten, aber ich war nie ein Liebhaber. Zumindest kein guter.“
„Das ist vermutlich der bessere Part“, bemerkte ich, „aber bevor du dich ganz in Selbstmitleid auflöst: Was gefällt dir beim Tanzen nicht?“
„Ich kann nicht führen“, gestand er zerknirscht.
Ich lachte laut auf. Was zum Teufel hatte mein Freund wohl gegessen? Oder war seine neue Freundin ein Vampir?
„Du hast doch Firmen geführt. Du warst der Chef, und ausgerechnet du solltest Frauen nicht führen können? Das ist lächerlich. Vermutlich trittst du ihnen einfach auf die Füße oder du träumst beim Tanzen.“
„Nein, das ist es nicht, es liegt daran, dass ich nicht so geführt habe, wie du dir das vorstellst. Ich habe meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen manipuliert, sie auf einer emotionalen, subtilen Ebene angesprochen und dazu gebracht, das zu tun, was ich wollte.“
„Ja, ich weiß, du warst schon immer ein verdammter Manipulator. Doch beim Tanzen geht das nicht. Du musst deine Partnerin mit sanftem Druck und Gefühl leiten.“
„Ich weiß, ich weiß. Aber das funktioniert nicht. Sie leitet mich.“

Leider habe ich an diesem Abend seine neue Freundin nicht kennen gelernt. Ich bin gespannt auf die Dame.

Ein verträumtes Wochenende, mit oder ohne Tango. Euer Traumperlentaucher

2009-10-09

Begegnung mit einem Jäger

Von traumperlentaucher @ 18:11 [ Begegnungen ]


Das Gekläffe der Jagdhunde hörte ich schon von weitem, aber mir konnte ja nichts passieren, ich trug eine rote Kappe.
„Hier haben Sie nichts zu suchen“, hörte ich plötzlich eine Stimme vor mir im Gebüsch. Gleich darauf kam ein Grünrock mit Flinte und verkniffenem Gesicht zum Vorschein.
„Doch, habe ich. Ich suche nämlich Pilze und dies hier ist ein guter Platz.“
„Wir jagen hier. Es ist zu gefährlich, gehen Sie anderswo hin.“
Sein Ton und sein herrisches Wesen missfielen mir. Sollte er doch anderswo jagen, nicht ausgerechnet mitten in meinen Pilzen!
„Ich kenne Anderswo nicht, aber Sie werden schon nicht auf mich schiessen, oder haben sie schon mal einen Rehbock mit roter Kappe gesehen?“
Er kniff sein Gesicht noch mehr zusammen, so als müsse er dringend. Sein überfütterter Dackel schnupperte an meinem linken Hosenbein.
„Werden Sie nicht frech und verschwinden Sie endlich!“
Verblüfft schaute ich ihn an. Unverblümter hätte er nicht sein können.
„Und wenn ich nicht gehen, werden Sie mich dann erschiessen?“
Sein Gesicht wurde eine Nuance röter. Der Dackel entfernte sich zwei Meter um ein grosses Geschäft zu verrichten – ein höfliches Tier.
„Jetzt reicht es aber. Sie haben hier nichts zu suchen. Dies ist unser Jagdrevier…“
„..und mein Pilzrevier. Aber lassen Sie sich nicht aufhalten. Ich mache Ihnen einen Vorschlag zur Güte: Sie können herumballern, während ich Pilze pflücken. Die Pilze sind nicht lärmempfindlich.“
Ich wandte mich ab und ging in zu den von Moos bewachsenen Stellen, zwischen den Fichten. Ein Sonnenstrahl fiel auf einen Fliegenpilz. Ein wunderschöner Anblick, leider ungeniessbar.
„Sie sind verrückt, ich kann für nichts garantieren.“
„Ich weiss. Aber jetzt sollten Sie Losung aufnehmen.“ Ich deutete auf den dampfenden Haufen, den sein Hund kreiert hatte.“
Doch der Grünrock hatte keinen Sinn für schrägen Humor. Laut fluchend zog er von dannen.
Man kann froh sein, wenn sie sich nicht gegenseitig erschiessen, dachte ich, und pfiff laut und falsch vor mich hin. Ein Rehbock würde sicher nicht pfeifen, oder?
Ein schönes Wochenende, jetzt aber richtig. Euer Traumperlentaucher

Bild: der Fremde

2009-09-22

Die Kräuterhexe

Von traumperlentaucher @ 21:21 [ Begegnungen ]


Ich liebe den Herbst. Nicht nur wegen seinen wunderbaren Farben und traumhaften Nebelbildern. Es ist die Zeit der Ernte. Nebst Bäumen und Reben voll süsser Früchte hält auch der Wald einige Leckerbissen parat.
Heute war ich Pilze suchen. Mit roter Kappe, damit mich kein Jäger für ein Reh hält. Ich mag zwar Wild auf dem Teller, doch kein Schrott im Rücken.
Doch entweder hatten sich die Pilze versteckt oder meine Augen waren pilzblind wegen dem Computerschirm. Ausser ein paar Computer...pardon...Safranschirmlingen, die auch ein Blinder finden würde, konnte ich nichts aufstöbern. Nicht einmal einen anständigen Giftpilz. Dabei liebe ich Gilftpilze. Gäbe es sie nicht, hätte es zuviele Pilzsammler.
Anstatt Pilz hatte ich Zeit zum Nachdenken.
Über den Herbst als Jahreszeit und als Lebensabschnitt. Letzterer sollte ja auch eine Zeit der Ernte sein. Sofern man sich die Zeit dafür nahm.
Zeit?
Das war es! Ich war viel zu schnell! Darum sah ich die Pilze nicht. Ich sah überhaupt nichts, nicht einmal den Wald - auf jeden Fall nicht richtig. Ich setzte mich unter eine alte Buche.
Ist es nicht so? Je schneller wir durchs Leben eilen, desto weniger sehen wir. Überhaupt scheint mir das Pilzesammeln wie das Leben: Das was man sucht, findet man oft nicht, dafür unverhofft etwas Unerwartetes. Allerdings können wir das Unerwartete nur sehen, wenn wir dafür offen sind. Erwarten meine Augen nur Steinpilze, übersehe ich leicht die Totentrompeten.
Und dann erst die Gilftpilze! Davon gibt es auch im Leben mehr als genug. Oft stehen sie direkt neben den Geniessbaren. Ein falscher Griff und schwuppdiwupp ist man erledigt.
Meine Gedanken machten sich selbstständig, verliessen den Wald und schwirrten durch Raum und Zeit.
Doch Halt! War dort vorne zwischen den dunklen Tannen nicht eine alte Frau mit einem Stock unterwegs? Eine Pilzsucherin oder eine Kräuterhexe?
Als sie näher kam, erkannte ich sie. Es war meine Mutter.
"Schön dich hier zu treffen", sagte sie.
"Ich habe dich erwartet", sagte ich.

Passt eure Geschwindigkeit der Zeit an, dann kommt Unverhofft oft. Euer Traumperlentaucher


2009-09-08

Ein Gesicht wie ein Buch

Von traumperlentaucher @ 08:43 [ Begegnungen ]


Manche Leute haben ein Gesicht an das man sich schon morgen nicht mehr erinnert, manche ein Gesicht wie der Hund, den sie spazieren führen. Doch dieser Mann hatte ein Gesicht wie ein Buch.
Ich konnte darin sein ganzes Leben lesen. Die Augen, sagt man, seien die Fenster zur Seele. Bei vielen sind diese geschlossen, obschon sie die Augen speerangelweit geöffnet haben. In seinen spiegelten sich jedoch die Emotionen von Jahrzehnten, ein Funkeln und Glänzen zeugte von einem wachen und neugierigen Geist. Feine Fältchen liessen Humor und Liebenswürdigkeit ahnen.
Die Haut eines Menschen sei der Tempel der Seele, wird gesagt. Seine zeugte von Freuden und Kummer, eine Narbe auf der Wange von einem Abenteuer, Falten erzählten von Wind und Wetter und es lag ein Hauch von Melancholie in ihnen. Sein Mund verriet seine Vorlieben und Abneigungen. Eine Spur Bitterkeit gepaart mit einer Verbissenheit lag auf seinen Lippen. Er sei ein guter Koch, hiess es, aber ich würde nie bei ihm essen. Ich mag keine strengen Mahlzeiten. Ich liebe Leichtigkeit und Fantasie. Bei ihm war sie damals kaum zu entdecken. Doch vielleicht lag es damals an seiner Brille, die ganz und gar nicht zu ihm passen wollte. Eckig und stur verstärkte sie den Endruck eines rechthaberischen Nörglers. Einer, der immer alles besser weiss und nie Fehler macht.
Auch hatte ich den Eindruck eines Mannes, der keine Träume kannte - wie sehr sollte ich mich doch täuschen!
Als wir uns das erste Mal begegneten, ich erinnere mich noch daran, als wäre es erst gestern gewesen, schaute er mir direkt in die Augen. Natürlich machen das die meisten Menschen, abgesehen von denen mit einem Minderwertigkeitskomplex oder einem schlechten Gewissen. Aber sein Blick war anders, wir schauten einander in die Seelen.
Von diesem Tag an, war unser Schicksal auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpft. Bis zum heutigen Tag. Sein Name ist Armin.

Noch sind die Gedanken frei. Profitiert davon! Euer Traumperlentaucher

2009-09-02

Wir sind alle Clowns

Von traumperlentaucher @ 09:07 [ Begegnungen ]


„Wir sollten uns nicht ernster nehmen als wir sind“, erklärte mir Armin bei meinem letzten Besuch.
Mit „ernst“ meinte er wohl „wichtig“, vermutete ich und hielt ihm deshalb entgegen:
„Das ist leichter gesagt als getan, denn jeder Mensch ist für sich das Zentrum seiner Welt. Wir können gar nicht anders. Unser Geist ist in diesem einen Körper gefangen und alles andere dreht sich darum.“
„Das weiss ich doch. Aber ich habe auch nicht wichtig gemeint, sondern ernst. Wir sollten uns selbst mit Humor betrachten. Über uns lachen, verstehst du?“
„Hast du das etwa im Sanatorium gelernt? Dort gibt es doch kaum etwas zu lachen.“
Armin grinste. „Das kommt auf den Standpunkt an.“
„Standpunkt? Wie meinst du das?“
„Wenn wir aus unserem Körper heraustreten um unser Tun und Wirken von aussen zu betrachten, sehen wir den Clown in uns. Dann können wir über uns selbst herzlich lachen.“
„Oder auch weinen“, meinte ich skeptisch.
„Das gehört dazu. Der Clown ist eine tragisch-komische Gestalt. Und wir sind alle Clowns, so ernst wir uns auch nehmen.“

Nur wer auch über sich selbst lachen kann, hat wirklich Humor. Euer Traumperlentaucher

Bild: von Heinz

2009-08-10

Das Kreuz mit den Wegkreuzungen

Von traumperlentaucher @ 09:24 [ Begegnungen ]


Armin ist zu Hause. Er wurde aus dem Sanatorium entlassen. Glaube ich.
Möglich, dass er einfach geflohen ist. Das würde ich ihm zutrauen. Als ich ihn gestern besuchte und danach fragte, sagte er:
„Es gibt unendlich viele Wege manchmal berühren sie sich.“
„Was meinst du damit, Armin?“
„Man hat mich nicht aus dem Sanatorium entlassen, denn ich war nie dort.“
Ich war baff. Dabei hatte ich ihn doch besucht! Oder bildete ich mir das bloss ein?
„Aber ich habe dich doch besucht!“
Er blickte mich seltsam an. Fragend, forschend, ernst, mit einer Spur Mitgefühl.
„Das hast du wohl geträumt und wie ich dich kenne, weisst du manchmal nicht mehr, was Traum und Wirklichkeit ist.“
Er spinnt immer noch, dachte ich, und ist sicher ausgebüxt. Ob ich die Direktion anrufen sollte? Ich wechselte das Thema für den Rest meines Besuchs.
Doch als ich zu Hause war, griff ich nach dem Telefon. Ich rief das Sanatorium an und fragte nach Armin. Er sei im Moment leider nicht zu sprechen, hiess es. Ich solle später nochmal anrufen. Diese Antwort beunruhigte mich, sie liess einige Optionen offen. Doch mindestens wusste ich jetzt, dass ich nicht träumte. Armin war dort oder zumindest dort gewesen. Ich entschloss, nochmals zu Armin zurückzukehren. Als ich im Auto sass und gerade den Zündschlüssel drehen wollte, bemerkte ich einen Passagier auf dem Beifahrersitz. Es war Armin.
„Du hast meinen Wagen geknackt?“ Ich war erstaunt und irritiert.
„Unsere Wege kreuzen sich“, meinte er trocken.
„So scheint es, doch was steckt dahinter?“
„Du bist ich und ich bin du.“
„Das habe ich schon gehört. Vermutlich von dir. Willst du mir damit sagen, dass wir ein und dieselbe Person sind?“
„Nein, aber wir gehören zusammen.“
Ich nickte verstehend. „Natürlich, wir sind Freunde.“
„Mehr als das. Viel mehr.“
Ich überlegte eine Weile, dann fragte ich: „Soll ich dich jetzt zurückbringen?“
„Ja, bitte.“
„Du wirst diesmal im Sanatorium bleiben?“
„Bis zur nächsten Wegkreuzung.“

Es war eine nachdenkliche Fahrt und als wir ankamen schon spät. Ich habe ihn nicht in das Gebäude begleitet, nur kurz angehalten. Ich glaube, er ist ausgestiegen.

Ich wünsche euch eine Traumwoche. Euer Traumperlentaucher.

Bild: Freiheit von JoJo


2009-07-21

Geheime Freunde

Von traumperlentaucher @ 13:19 [ Begegnungen ]


Ich musste ihn einfach wieder besuchen. Nicht nur wegen ihm, Armin, sondern auch wegen dem Sanatorium, der Insel der selig Verrückten im Meer der Albträume.
„Du kannst ruhig ein paar Tage hier bleiben“, begrüsste mich Armin, „dann musst du nicht immer hin- und herfahren.“
Ich winkte ab. „Wir beide können nicht gleichzeitig hier sein, sonst vermischen sich womöglich unsere Geister und das hält der alte Kasten nicht aus.“
Er lächelte verschmitzt. „Du bist ich und ich bin du. Das ist unser Traum.“
Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Ob es daran lag, dass ich Armins Geschichte zu Papier brachte? Als ich ihn letzte Woche verliess, bildete ich mir tatsächlich ein, ich würde mit seinem Jaguar nach Hause fahren. Seltsam.
„Deine Bemerkung, die Welt draussen sei verrückt und das Sanatorium der einzige normale Ort, lässt mich nicht mehr los.“
Er grinste. „Dann wolltest du also sehen, ob das wirklich so ist?“
Plötzlich wurde er übergangslos ernst. „Ich werde nach Hause kommen. Meine Zeit hier geht dem Ende entgegen.“
Ich war erleichtert. Hoffentlich würde es diesmal klappen.
„Und deine Depression? Brauchst du nicht spezielle Medikamente?“
„Die kann ich auch zu Hause schlucken. Es ist nicht nötig, dass sie mir ein Weisskittel bringt und aufpasst, dass ich sie nicht den Tauben füttere. Abgesehen davon, will ich das Zeug absetzen. Es verändert meine Persönlichkeit.“
Wiederum staunte ich über seine Fähigkeit zur Selbstanalyse. Oft merken die Menschen die feinen Veränderungen nicht, welche die Psychopharmaka mit sich bringen. Der Persönlichkeitswandel kommt üblicherweise auf leisen Sohlen angeschlichen.
„Das wird nicht einfach sein. Es ist schwieriger als mit Rauchen aufzuhören.“ Ich musste dabei unwillkürlich an meinen Traumbegleiter, den Gesichtslosen, denken. Gut, dass es im Bereich der Träume noch kein Rauchverbot gab.
„Ich weiss, ich habe es schon einmal versucht. Du erinnerst dich sicher noch an die bekloppten Tauben. Zuerst kommen die kurzen Aussetzer im Kopf, dann die nächtlichen Panikattacken und später, wenn du Pech hast, die körperlichen Beschwerden. Aber es lohnt sich.“
Ich nickte. Ja, es lohnte sich. Denn die Medikamente liessen einem nicht nur zu einem anderen Menschen werden, sie verscheuchten auch die Perlen unter den Träumen. Trotzdem…
„Du wirst die Welt nicht mehr rosa sehen, sondern schwarz und weiss und in allen Tönen dazwischen. Sie wird nicht mehr weichgezeichnet sein, sondern körnig und hart. Du wirst sie so sehen, wie sie wirklich ist. Vielleicht.“
Er lächelte. „Ja, und ich werde wieder in der Lage sein, hinter die Kulissen zu blicken.“
Ich runzelte die Stirn. Das ging in die falsche Richtung.
„Deine neuen Bekannten wirst du hier lassen müssen.“ Ich dachte mit Wehmut an Kinsky und das Blumenmädchen. Ich hatte ihre Gesellschaft damals sehr genossen.
„Mit wem ich verkehre, braucht niemand zu wissen. Wirkliche Freunde findet man ja auch nicht auf Facebook.“
Uns beiden steht eine spannende Zeit bevor. Euer Traumperlentaucher

Bild von Bara-Bara und Staubfinger

2009-07-18

Wenn der Glaube Wirklichkeit wird

Von traumperlentaucher @ 22:52 [ Begegnungen ]


Gestern war ich bei Armin im Sanatorium.
Wie immer fragte ich ihn, ob er nicht nach Hause möchte. Er schaute mich ernst an und sagte: „Meine Gedanken müssen zuerst gesund werden.“
Ich war baff. Soviel Selbstdiagnose hatte ich nicht erwartet.
Aber seine nächsten Worte zeigten, dass ich mich geirrt hatte.
„Die Weißkittel wollen mich noch nicht gehen lassen. Ich sei schizophren, sagen sie. Dabei leiden sie selbst an Wahnvorstellungen.“
„Wie drückt sich das aus?“, sondierte ich.
„Sie glauben, dies sei ein Irrenhaus und sie seien die einzig Gesunden hier.“
Ich schwieg. Was sollte ich auch sagen.
„Schlimmer noch“, fuhr er fort, „sie glauben, dass die Welt hier drin verrückt und die draußen normal sei. Dabei ist es gerade umgekehrt. “
Das hatte was, musste ich eingestehen. Die Welt, von der ich kam, war manchmal von einem Tollhaus nicht zu unterscheiden und voller Verrückter. Ich dachte unwillkürlich an Qaddhafi, den libyschen Staatschef, der vorgeschlagen hatte, die Schweiz aufzuteilen.
„Ich weiß, Armin, die ganze Welt ist eine Spinnwinde, doch darum geht es nicht. Du bildest dir Gestalten ein, die nicht wirklich existieren. Das könnte dich draußen in Schwierigkeiten bringen.“
„Wieso denn? Die Welt wimmelt doch nur so von Menschen, die sich irgendwelche Wesen einbilden: Götter, Engel, Ausserirdische, Geister und Dämonen. Du gehörst ja selbst dazu!“
„Das ist nicht das Gleiche, Armin. Die Menschen bilden sich diese Wesen nicht ein, sie glauben bloß an sie. Doch für dich sind sie Wirklichkeit.“
Bei diesen Worten musste ich an Kinsky und das Blumenmädchen denken, denen ich während meinem Aufenthalt im Sanatorium vor zwei Jahren begegnet war. Erinnerungen drangen in meinen Kopf und mir wurde schwindlig. Was war wirklich gewesen und was Traum?
Armin lächelte, er wusste, dass meine Argumentation auf tönernen Füssen stand.
„Natürlich könnte ich simulieren“, sagte er. „aber es nützt mir nichts, meine Welt zu leugnen, früher oder später würde sie mich einholen.“

Dieser Satz verfolgte mich, als ich in den Jaguar stieg um nach Hause zu fahren. Am liebsten hätte ich kehrt gemacht und wäre bei Armin geblieben. Das große massive Gebäude mit seinem umzäunten Park erschien mir plötzlich wie eine sicherere Insel in einem Meer der Albträume. Euer Traumperlentaucher.

Bild: von Bara-Bara und Staubfinger

2009-06-22

Störende Stille

Von traumperlentaucher @ 08:05 [ Begegnungen ]


Eigentlich hätte es mir auffallen müssen, als ich ihn zum ersten Mal traf: seine Ohren hatten Übergröße. Aber damals achtete ich noch nicht auf solche Details. Auch seine quengelnde Stimme fiel mir nicht auf.

Doch schon ein paar Wochen später ereigneten sich die ersten Seltsamkeiten.
Er war mein neuer Reihenhausnachbar und uns trennte nur eine Mauer voneinander. Allerdings eine dicke Mauer, die nur bei konzentriertem Hinhören einige Geräusche von der anderen Seite preisgab: Das Trippeln von Damenabsätzen etwa, oder der dumpfe Aufschlag einer fallengelassenen Hantel. Mein Nachbar war ein In-Haus-Sportler. Im Übrigen weiß ich wenig über ihn. Er lebte allein und zurückgezogen, hatte kaum Besuch, abgesehen von zwei Damen, die ihm abwechslungsweise ab und zu die Zeit vertrieben, und kam nur zum Schlafen nach Hause. Er war ein ruhiger Mensch. Auch der Ort an dem wir wohnten war sehr ruhig. Nachts war es mucksmäuschenstill und unsere Gäste aus der Stadt hatten deswegen oft Mühe bei uns zu schlafen. Jeder Fliegenschiss wird in solchen Nächten zu einem Donnerschlag. Doch zurück zu den Ereignissen jener Zeit:

Bei einer unserer ersten Gartenpartys hätte ich seine quengelnde Stimme fast überhört, die rief: „Ich will schlafen“, wenn er dazu nicht mehrmals ein Fenster zugeschlagen hätte. Ich fand das merkwürdig. Wer will um Neun an einem lauen Sommerabend schon schlafen. Mag sein, dass wir etwas zu laut waren, etwas zuviel getrunken hatten und dass unsere Gesangsvorträge nicht jedermanns Geschmack waren. Darum schenkte ich dieser Sache keine große Beachtung.

Doch bald schon stand der Nachbar vor unserer Haustür. Wir müssten einige Dinge besprechen, sagte er, und nach ein paar Nebensächlichkeiten kam er dann zu seinem Anliegen. Er wohne eigentlich nur hier zum Schlafen und das Haus sei eben sehr schalldurchlässig. Er höre jedes Geräusch von unserer Seite und wäre froh, wenn wir diesem Umstand Beachtung schenken würden. Kein Problem, sagte ich, wir würden uns Mühe geben. Die nächsten Partys würden wir ihm ankündigen und wenn er nicht schlafen könne, solle der doch mit einem Glas rüberkommen. Doch die Partys waren nicht das eigentliche Problem. Es war unser alltägliches Wohnen.

Eine Woche später stand er wieder vor der Tür. Er höre nachts Geräusche, sagte er. Ein Stühlerücken morgens um drei, Trippeln in der Treppe. Wir würden nachts schlafen, beschied ich ihm und dachte an unsere Katzen. Ob die Samtpfoten etwa…?
Von da an verging keine Woche, in der wir nicht die neusten Lärmmeldungen erhielten. Sogar per SMS meldete er uns seine nächtlichen Schalleindrücke. Es habe jemand wieder mit einer Tasse hantiert, mitten in der Nacht. Ob wir nicht darauf achten könnten, unsere Kaffeetassen leiser zu behandeln. Nachts würden wir keinen Kaffee trinken, simste ich zurück, erst morgens um sechs, denn wir müssten anschließend zur Arbeit. Ob das nicht später ginge, wollte er wissen, er schlafe dann noch. In der Folge behandelte ich unsere Tassen wie rohe Eier.

Doch es war wie verhext. Je leiser wir wurden, desto mehr Geräusche hörte er.
Eines Tages stand er wieder vor der Tür. Diesmal war er nicht allein. Er hatte drei Akustikexperten dabei, mit Koffern voller Messgeräte. Ob er bei uns Messungen machen dürfe? Etwas stimme nicht mit der Wand, die unsere Wohnungen trenne. Ich zuckte die Schultern und beobachtete das Treiben mit gemischten Gefühlen. Da die Experten mit ihren Apparaten nichts Auffälliges feststellen konnten, gingen sie bald zu praktischen Versuchen über und hantierten mit Kaffeetassen. Mein Nachbar war derweil auf Horchposten auf der anderen Seite an der Wand. Dann musste ich die Treppe hoch und runter gehen, Dusche und Wasserhähnen an und ab drehen, Türen schließen.

Da sei vielleicht ein Problem, meinte einer der Experten. Unsere Türen würden immer offen bleiben, merkte ich an und behielt erstaunlicherweise die Beherrschung. Konflikte sind mir zuwider und ich halte es mehr mit der Diplomatie. Doch diese geriet bei den nächsten Lärmmeldungen an ihre Grenzen. Während wir schliefen, schien in unserem Haus die Hölle los zu sein. Da sei wieder etwas gewesen, letzte Nacht, simste der Nachbar und meinte entschuldigend, er wolle ja nichts Böses, bloß schlafen.
Von da an übernahm meine Partnerin den Fall. Sie war eine Amazone, eine Kriegerin, und hielt nichts von Diplomatie. Sie erklärte unserem Lauscher ihre Spielregeln und ich hatte dabei Angst er würde einen Fadengeraden kassieren. Doch er verstand die Message. Die Lärmmeldungen blieben in der Folge aus und zwei Jahre später zog er aus.

Die Stille enthüllt den Lärm der eigenen Gedanken. Euer Traumperlentaucher.

Bild: Stille, von Heinz

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