2009-06-30

Traumperlen

Von traumperlentaucher @ 07:49 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Traumperlen sind wie Tautropfen in unseren Gärten an einem frischen Sommermorgen : Rein und unberührt. Vor uns hat sie noch niemand entdeckt, wir sind die ersten.

Auf ihren Oberflächen spiegelt sich die Welt, Tausende von Perlen. Eine Traumperle reflektiert die andere, hin und her immer kleiner werdend, bis sie einander in der Unendlichkeit verlieren. Traumperlen spiegeln Traumperlen.
Doch der achtsame Betrachter entdeckt unter einem bestimmten Blickwinkel noch etwas anders: einen Beobachter. Ist es Gott, der von aussen in die Welt blickt, oder ist es der Betrachter selbst?

Aber Traumperlen wirken nicht nur wie Weltenspiegel, sondern auch wie Vergrösserungsgläser. Das was hinter ihnen liegt, scheinbar verborgen, sieht man bis ins kleinste Detail. Ist das nicht seltsam? Was sich versteckt wird grösser.

Doch vergeblich versucht der Betrachter im Innern der Traumperlen etwas zu entdecken. Dort müssten doch unsere Träume sein, geboren aus unseren geheimsten Wünschen, Ängsten und Hoffnungen?
Aber innen drin sind sie rein und klar wie feinstes Glas. Erst unsere Fantasie, unsere Gedanken werden ihr Inneres füllen und die Perlen zum Leben erwecken.
Ein vergängliches Leben, denn wenn der Tag anbricht, die Sonnenstrahlen die Wirklichkeit durchdringen und die Geister der Nacht verscheuchen, verschwinden auch die Traumperlen aus unseren Seelengärten, als hätten sie nie existiert.
Sind sie deshalb nicht wirklich? Euer Traumperlentaucher.

Bild von 托尼

2009-06-29

Besuch zur falschen Zeit

Von traumperlentaucher @ 18:28 [ Träume ]


Eine Handvoll Gartenzwerge, zwei blasse Damen und ein hagerer Magier mit Zorro-Maske hockten am runden Stammtisch, als wir die Kneipe betraten. Hinter der Theke mixte ein Fischgesicht Drinks. Mein Begleiter, ein junger rothaariger Mann, ging unbeirrt zu einem Tisch in der dunkelsten Ecke des Raums. Ich folgte ihm. Die Damen warfen uns bedeutungsschwere Blicke zu und der Magier malte ein Zeichen in die Luft. Die Zwerge kicherten.
Eine Gaststätte mitten im Wald. Herbeigewünschte Zuflucht. Wir waren von unserem Pfad abgekommen und mit letzter Kraft einer Horde Gnomen entronnen. Mein Begleiter signalisierte etwas in einer Zeichensprache, die ich nicht verstand, der Fischkopf nickte.
Beunruhigt starrte ich auf den Nebel, der durch die Fensterritzen drang und auf die drei flackernden Laternen zukroch, die einen ganzen Zoo von Schattenungeheuren an die Wände warfen. Zwischen ihnen und dem Nebel schien ein Kampf im Gange zu sein.
„Wo sind wir?“, fragte ich meinen Begleiter.
„Falsche Frage“, grinste der Rothaarige, „wann sind wir, lautet die richtige.“
„Gibt es darauf eine passende Antwort?“
„Mehrere, vermutlich. Wir werden sehen. Ich werde den Wirt fragen, ob er ein Zimmer für die Nacht hat.“ Er erhob sich und schlenderte zur Theke.
Wie war ich nur in diesen Wald gekommen? Was wollte ich hier? Was war mein Ziel? Ich sondierte in meinen Erinnerungen, doch sie verloren sich in der Nacht.
In diesem Augenblick erhob sich eine der blassen Damen und kam zu unserem Tisch. Ihre Augen waren dunkel schattiert. Als sie den kirschrot geschminkten Mund aufmachten, enthüllte sie zwei spitze Eckzähne. Ein Vampir? Ich schauderte.
„Darf ich mich zu Ihnen setzten“, fragte sie.
„Ja, natürlich.“ Ich schielte zu meinem Begleiter an der Theke und hoffte inständig, dass er rasch wieder zurückkehrte.
„Sie sind auf der Durchreise?“, wollte sie wissen. Ich nickte nur.
Eine Laterne erlosch, sie hatte den Kampf verloren. Die Blasse lächelte.
„Sie übernachten hier?“
„Vielleicht, wenn noch Zimmer frei sind. Mein Begleiter erkundigt sich gerade beim Wirt.“
„Es hat immer freie Zimmer, diese Herberge ist gross.“
Ich schaute sie zweifelnd an. „Von aussen gesehen ist das Haus klein.“
„Nicht alle Zimmer befinden sich in der gleichen Zeit.“
In diesem Augenblick kam mein rothaariger Begleiter zurück. Er warf mir einen schweren Schlüssel zu. „Dreitausendzweihundertvierunddreissig im dreizehnten Monat. Es ist eine gute Zeit.“
Auch die zweite Laterne erlosch.
„Zeit, schlafen zu gehen“, meinte die Blasse und biss sich mit ihren scharfen Eckzähnen in die Lippen. Sie fing mit ihrem Handrücken eine Blutstropfen auf. Dann erhob sie sich und schritt zurück zum Tisch mit den Zwergen.
„Vergiss sie, dann wird sie dich in deiner Zeit nicht besuchen“, riet mir mein Begleiter.

Gut, dass ich in meiner wirklichen Zeit aufwachte. Euer Traumperlentaucher

Bild: "Wilde Kirschen", von Heinz

2009-06-25

Verunsicherung

Von traumperlentaucher @ 07:05 [ Erinnerungen ]


Als ich mich an diesem Samstag vor vielen Jahren ins Auto meiner Partnerin setzte, ahnte ich nicht, wie brenzlig dieser Tag werden würde. Gedankenabwesend drehte ich den Zündschlüssel. Der Anlasser ächzte müde, die Kontrollleuchten erloschen. Aha, die Batterie im Eimer. Kein Problem dachte ich, ich hatte ja noch eine auf Reserve. Ich entriegelte die Motorhaube. Doch dann erhaschten meine Augen den feinen weißen Rauch, der aus dem Motorraum drang wie nach einer Papstwahl. Verdammt, da brennt was! Ich drückte den Türöffner. Nichts! Die Fahrertür ließ sich nicht öffnen. Meine Gedanken begannen sich zu verknoten. Das war ja wie in einem schlechten Film. Ich hebelte wie ein Verrückter an der Tür. Du wirst im Auto verbrennen, sagte mir eine innere Stimme. Ach was, Autos brennen nicht so rasch, sagte eine andere. Die Situation war so komisch, dass ich unwillkürlich lachen musste. Sollte ich eine Scheibe einschlagen? Da war ja noch die Beifahrertür, kam mir endlich in den Sinn. Ich zwängte mich hinüber und hebelte an der Tür. Auch sie war nicht zu öffnen. Der Rauch aus dem Motorraum wurde dicker. Ich spürte einen Anflug von Panik.
Doch plötzlich gab die Tür nach. Wieso weiß ich heute noch nicht. Ich sprang aus dem Wagen und öffnete die Motorhaube. Der Anlasser brannte. Ich rannte ins Haus und holte den Feuerlöscher.

Groß war der Schaden nicht, ein paar verbrannte Kabel und ein ausgebrannter Anlasser. Die Versicherung ließ den Wagen abholen und zur Werkstatt bringen. Am nächsten Tag telefonierte der Versicherungsexperte:

„Wir werden die verbrannten Kabel bezahlen, den Anlasser müssen Sie jedoch selbst übernehmen.“
„Wieso denn? Fahrzeugbrand ist doch in der Teilkasko!“
„Feuerschäden, um genau zu sein. Wir unterscheiden zwischen Ursache und Wirkung. Die Brandursache – in Ihrem Fall der Anlasser – vergüten wir nicht. Denn das war ein Defekt und Sie haben ja keine Reparaturversicherung.“
„Und was ist, wenn ein Wagen vollständig ausbrennt?“
„Dann lässt sich die Brandursache meistens nicht mehr feststellen und wir übernehmen den ganzen Schaden.“
„Dann hätte ich die Karre brennen lassen sollen?“
„Das macht doch kein vernünftiger Mensch.“
Ich fluchte im Stillen und nahm mir vor, das nächste Mal die Feuerwehr zu alarmieren, anstatt selbst zu löschen. Ohne Hektik, versteht sich.
„Hören Sie, wir sind seit Jahrzehnten Kunden bei Ihnen und hatten noch nie einen Teilkaskofall.“
„Das interessiert mich nicht, ich bin Experte und kein Versicherungsverkäufer.“
„Vielleicht war es gar nicht ein defekter Anlasser, vielleicht war der Kurzschluss anderswo“, schlug ich vor.
„Wollen Sie mich belehren. Sind Sie der Experte oder bin ich es?“
„Ich will Ihnen nicht am Zeug flicken, Sie sind natürlich der Experte, aber bei allem Respekt, könnte es nicht sein, dass zum Beispiel ein Marder den Kurzschluss verursacht hat?“ Dann müssten Sie nach Ihrer Logik zwar den Marder nicht bezahlen, aber den ganzen Rest, wollte ich noch anfügen, aber ich biss mir auf die Zunge.
„Dann wollen Sie also einen Marderschaden und keinen Feuerschaden anmelden?“
„Wenn das hilft, Ja. Bei uns sind die Tiere eine wahre Plage. Kürzlich haben die Viecher das Auto des Nachbarn und gleichzeitig das unseres Besuchs angefressen.“
„Ob das ein Marderschaden war, lässt sich leider jetzt nicht mehr feststellen“, grummelte der Experte.
„Es muss einer sein“, insistierte ich. „Anlasser brennen nicht von selbst. Ich bin zwar kein Experte, aber Elektroingenieur“, spielte ich meinen letzten Trumpf aus.
„Gut, nehmen wir an, es sei ein Marderschaden. In diesem Fall bezahlen wir ihren Anlasser.“
Nette Tiere, diese Marder. Euer Traumperlentaucher

Bild: Von Heinz

2009-06-24

Traumfänger FAQ

Von traumperlentaucher @ 07:26 [ Traumfänger bauen ]


Immer wieder werde ich zum Selbstbau von Traumfängern befragt. Hier einige Beispiele:

„Ich habe Angst vor Albträumen. Hilft ein Traumfänger dagegen?“
Das ist sein ursprünglicher Zweck. Die Indianer Nordamerikas glaubten, dass er die schlechten Träume abhält und nur die guten durchlässt.

„Wieso soll ein selbstgebauter besser als ein gekaufter sein?“
Damit er gut wirkt, muss ein Traumfänger mit dem Träumer verbunden sein. Das geschieht, indem man Dinge einarbeitet, die einem wichtig sind und zu denen man eine besondere Beziehung hat. Natürlich können diese Dinge auch nachträglich in einen gekauften eingearbeitet werden.

„Ich bin Elektroniker und möchte meinen Traumfänger mit blinkenden Leuchtdioden verzieren. Welchen Einfluss könnte das auf meine Träume haben?
Vermutlich werden in deinen Träumen Leuchtdioden blinken. Wenn das für dich zu den wichtigen Dingen des Lebens gehört …

„Darf ich das Foto meines verstorbenen Vaters in den Traumfänger stecken?“
Ja, doch bedenke, dass du ihm wahrscheinlich in deinen Träumen begegnen wirst. Aber das wäre vielleicht eine gute Gelegenheit, ihm das zu sagen, was du zu sagen verpasst hast als er noch lebte. Es könnte aber auch sein, dass er dir noch eine Frage stellen wird.

„Kann ich meinen Traumfänger anstatt rund auch eckig machen, zum Beispiel als Stern?“
Das würde ich nicht empfehlen, Spitzen stechen in die Augen und stören die Harmonie. In unserer Nähe hat so ein Vollpfosten von Planer einen Kreisel bauen lassen, der mit seinen Betonzacken auf die sich nähernden Autofahrer zeigt. So wie diese geistige Aggression den Verkehrsfluss stört, würden Zacken oder scharfe Kanten auch den Traumfluss stören.

„Wieso haben indianische Traumfänger Vogelfedern?“
Damit man in seinen Träumen nicht abstürzt. Losgelöst vom Körper können wir in unseren Träumen fliegen. Doch der Mensch ist im Grunde seines Wesens ein Anti-Vogel und das kann zu Albträumen führen.

„Ich besitze einen kleinen Schutzengel aus Glas, darf ich den an meinen Traumfänger heften?“
Natürlich, er wird dich auch in deinen Träumen beschützen.

„Mein Traumfänger dreht sich, wenn ich ihn anschaue. Geschieht dies durch Gedankenkraft.“
Das ist möglich. Einige Menschen, die eine intensive Beziehung zu ihrem Traumfänger haben, sollen dazu in der Lage sein.

„Muss ich meinen Traumfänger direkt über meinem Kopf installieren? Ich habe Angst, dass er herunterfällt.“
Es ist egal, wo du ihn aufhängst. Wichtig ist, dass du ihn vor dem Einschlafen betrachten kannst.

Euer Traumperlentaucher

2009-06-23

Fälschmeldung

Von traumperlentaucher @ 19:52 [ Gedanken & Beobachtungen ]


"Fälschungen kosten die Wirtschaft 2 Milliarden"
Titelt 20Minuten Online und zeigt damit wieder einmal wie diese "Zeitung" gemacht wird. Google-Journalismus! In diesem Fall einfach abschreiben, was STOP PIRACY in ihrer Pressemitteilung schreibt, ohne selbst den Hirnkasten einzuschalten.
Die Milchmädchenrechnung mit den 2 Milliarden Verlust für die Schweizer Industrie geht davon aus, dass jeder, der eine falsche Louis GaGa Tasche oder eine falsche BlingBling aus Asien mitbringt, eine echte kaufen würde wenn es die Fälschung nicht gäbe. Wohl kaum! Wer Freude an einer gefälschten BlingBling hat, würde vermutlich nie eine echte kaufen.
Aus dem einfachen Grund, weil sie für ihn schlicht und einfach zu teuer ist. Das gleiche gilt für viele andere Luxusartikel.
20 Minuten schreibt weiter
(Zitat)
Fälscher müssen kein Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben.
(Zitat Ende)
Das stimmt gerade bei Luxusprodukten oft nicht. Ich wüsste nicht, was es an einem T-Shirt oder an einer Handtasche oder an gewöhnlichen Uhren zu forschen oder zu entwickeln gäbe. Hier geht es um Marketingaufwendungen.
Und dann geht’s weiter mit abschreiben:
(Zitat)
Die Produkte werden (…) zu schlechten Bedingungen reproduziert – oft arbeiten auch Kinder in Fälscherfabriken.
(Zitat Ende)
Schon mal recherchiert, wo und unter welchen Bedingungen viele Markenartikel - Handtaschen, Schuhe, Kleider - zusammengenagelt werden?

Natürlich ist es ärgerlich, wenn eine Marke kopiert wird, für deren Aufbau viel Geld in das Marketing geflossen ist und ich kann Stop Piracy und die Industrie dahinter durchaus verstehen. Aber mit Halbwahrheiten wird man nicht glaubwürdiger!

Bei echten High-Tech-Produkten muss natürlich – zusätzlich zum Marketingaufwand – Forschung und Entwicklung betrieben werden. Doch die sind auch nicht so einfach zu kopieren. Oder hat jemand zum Beispiel schon ein falsches Phonak-Hörgerät in Thailand entdeckt?

Vielleicht sollte die betroffene Industrie mal darüber nachdenken, ob nicht dauernde Innovation der bessere Schutz gegen Markenpiraterie wäre als Jammern.

Bei Software lasse ich das Argument von Stop Piracy gelten. Hier wird durch Raubkopien der hohe Entwicklungsaufwand einfach gestohlen. Allerdings kenne ich keinen Schweizer PC-Spiele Hersteller ;-)
Auch bei den Medikamenten fällt der Forschungsaufwand bei den Kopien nicht an. Aber wer bestellt schon im Ausland ausdrücklich Medikamentenkopien. Wer Viagra will, möchte das Original – oder täusche ich mich da?
Und dass man bei unseren unverschämten Medikamentenpreisen, mit denen die Pharmaindustrie seit Jahrzehnten die Schweizer abzockt, im Ausland bestellt, kann ich keinem verdenken.

Bei Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Zollbestimmungen oder beschweren sich beim Uhrenhändler Ihres Vertrauens. Traumperlentaucher.

Bild: Von Heinz

2009-06-22

Störende Stille

Von traumperlentaucher @ 08:05 [ Begegnungen ]


Eigentlich hätte es mir auffallen müssen, als ich ihn zum ersten Mal traf: seine Ohren hatten Übergröße. Aber damals achtete ich noch nicht auf solche Details. Auch seine quengelnde Stimme fiel mir nicht auf.

Doch schon ein paar Wochen später ereigneten sich die ersten Seltsamkeiten.
Er war mein neuer Reihenhausnachbar und uns trennte nur eine Mauer voneinander. Allerdings eine dicke Mauer, die nur bei konzentriertem Hinhören einige Geräusche von der anderen Seite preisgab: Das Trippeln von Damenabsätzen etwa, oder der dumpfe Aufschlag einer fallengelassenen Hantel. Mein Nachbar war ein In-Haus-Sportler. Im Übrigen weiß ich wenig über ihn. Er lebte allein und zurückgezogen, hatte kaum Besuch, abgesehen von zwei Damen, die ihm abwechslungsweise ab und zu die Zeit vertrieben, und kam nur zum Schlafen nach Hause. Er war ein ruhiger Mensch. Auch der Ort an dem wir wohnten war sehr ruhig. Nachts war es mucksmäuschenstill und unsere Gäste aus der Stadt hatten deswegen oft Mühe bei uns zu schlafen. Jeder Fliegenschiss wird in solchen Nächten zu einem Donnerschlag. Doch zurück zu den Ereignissen jener Zeit:

Bei einer unserer ersten Gartenpartys hätte ich seine quengelnde Stimme fast überhört, die rief: „Ich will schlafen“, wenn er dazu nicht mehrmals ein Fenster zugeschlagen hätte. Ich fand das merkwürdig. Wer will um Neun an einem lauen Sommerabend schon schlafen. Mag sein, dass wir etwas zu laut waren, etwas zuviel getrunken hatten und dass unsere Gesangsvorträge nicht jedermanns Geschmack waren. Darum schenkte ich dieser Sache keine große Beachtung.

Doch bald schon stand der Nachbar vor unserer Haustür. Wir müssten einige Dinge besprechen, sagte er, und nach ein paar Nebensächlichkeiten kam er dann zu seinem Anliegen. Er wohne eigentlich nur hier zum Schlafen und das Haus sei eben sehr schalldurchlässig. Er höre jedes Geräusch von unserer Seite und wäre froh, wenn wir diesem Umstand Beachtung schenken würden. Kein Problem, sagte ich, wir würden uns Mühe geben. Die nächsten Partys würden wir ihm ankündigen und wenn er nicht schlafen könne, solle der doch mit einem Glas rüberkommen. Doch die Partys waren nicht das eigentliche Problem. Es war unser alltägliches Wohnen.

Eine Woche später stand er wieder vor der Tür. Er höre nachts Geräusche, sagte er. Ein Stühlerücken morgens um drei, Trippeln in der Treppe. Wir würden nachts schlafen, beschied ich ihm und dachte an unsere Katzen. Ob die Samtpfoten etwa…?
Von da an verging keine Woche, in der wir nicht die neusten Lärmmeldungen erhielten. Sogar per SMS meldete er uns seine nächtlichen Schalleindrücke. Es habe jemand wieder mit einer Tasse hantiert, mitten in der Nacht. Ob wir nicht darauf achten könnten, unsere Kaffeetassen leiser zu behandeln. Nachts würden wir keinen Kaffee trinken, simste ich zurück, erst morgens um sechs, denn wir müssten anschließend zur Arbeit. Ob das nicht später ginge, wollte er wissen, er schlafe dann noch. In der Folge behandelte ich unsere Tassen wie rohe Eier.

Doch es war wie verhext. Je leiser wir wurden, desto mehr Geräusche hörte er.
Eines Tages stand er wieder vor der Tür. Diesmal war er nicht allein. Er hatte drei Akustikexperten dabei, mit Koffern voller Messgeräte. Ob er bei uns Messungen machen dürfe? Etwas stimme nicht mit der Wand, die unsere Wohnungen trenne. Ich zuckte die Schultern und beobachtete das Treiben mit gemischten Gefühlen. Da die Experten mit ihren Apparaten nichts Auffälliges feststellen konnten, gingen sie bald zu praktischen Versuchen über und hantierten mit Kaffeetassen. Mein Nachbar war derweil auf Horchposten auf der anderen Seite an der Wand. Dann musste ich die Treppe hoch und runter gehen, Dusche und Wasserhähnen an und ab drehen, Türen schließen.

Da sei vielleicht ein Problem, meinte einer der Experten. Unsere Türen würden immer offen bleiben, merkte ich an und behielt erstaunlicherweise die Beherrschung. Konflikte sind mir zuwider und ich halte es mehr mit der Diplomatie. Doch diese geriet bei den nächsten Lärmmeldungen an ihre Grenzen. Während wir schliefen, schien in unserem Haus die Hölle los zu sein. Da sei wieder etwas gewesen, letzte Nacht, simste der Nachbar und meinte entschuldigend, er wolle ja nichts Böses, bloß schlafen.
Von da an übernahm meine Partnerin den Fall. Sie war eine Amazone, eine Kriegerin, und hielt nichts von Diplomatie. Sie erklärte unserem Lauscher ihre Spielregeln und ich hatte dabei Angst er würde einen Fadengeraden kassieren. Doch er verstand die Message. Die Lärmmeldungen blieben in der Folge aus und zwei Jahre später zog er aus.

Die Stille enthüllt den Lärm der eigenen Gedanken. Euer Traumperlentaucher.

Bild: Stille, von Heinz

2009-06-21

Die Salatostrophe

Von traumperlentaucher @ 11:58 [ Begegnungen ]


Zuerst wollte ich Saladman titeln, aber das ist nicht mein Geschmack und hat mit Salat nichts zu tun. Ich hätte natürlich auch Salatmann schreiben können, aber das tönt mehr nach Salatverkäufer, und das ist er nun wirklich nicht. Denn mein Freund – nennen wir ihn Heinz – verkauft seinen Salat nicht, er verschenkt ihn. Er hat nämlich einen Salatkomplex. Sein erstes Wort am Morgen ist „Salat“ und wenn wir miteinander telefonieren, spricht er hauptsächlich Salat. Selbstverständlich träumt er auch von Salat. Nicht etwa von Schnecken, die ihm sein Grün wegessen wollen, nein, er selbst wird in seinen Träumen vom Salat verfolgt. Nachts, so sagte er mir, kratze der Salat an seiner Tür und begehre Einlass.
In der Zwischenzeit quillt auch mein Kühlschrank über vor lauter Salat und Bier findet zwischen den Blättern kaum noch Platz. Trotzdem schleppt er immer wieder neuen an. Ehrlich gesagt bin ich kein grosser Salatliebhaber und halte mich auch nicht für eine Schnecke. Am besten gefällt mir der Salat, nachdem er durch das Schwein gegessen wurde. Aber leider mögen auch Schweine Salat nicht besonders. Kein Wunder, hat doch ein Blatt Salat etwa soviel Nährwert wie ein Blatt Papier. Auch mit den Vitaminen soll es nicht soweit her sein, wie uns Grossmutter immer weis machen wollte. Ein Märchen wie das vom vielen Eisen im Spinat.
Einzig als Saucenträger mag ich ihn. Die Salatsauce, wenn mit feinem Olivenöl selbst gemacht und gut gewürzt, ist das Beste an dem grünen Zeug. Trotzdem soll es Menschen geben, die Salat nur ohne Sauce essen. Vielleicht haben die auch zwei Mägen wie Kühe und kauen während der Arbeit wieder.
Gott sei Dank ist die Salatsaison bald vorüber, sonst wird Heinz noch bei Armin im Sanatorium landen. Zumal er oft ähnliche Ideen spinnt wie Armin. Doch wie ist es zu dieser Salatostrophe gekommen?
Heinz hat zum ersten Mal einen Garten bepflanzt. Ganz nach dem Motto: Lieber zuviel als zuwenig. Als Hobbygärtner wollte er möglichst von allem etwas pflanzen. Dummerweise gibt es beim Salat recht viele Sorten und Heinz hat sie alle gepflanzt. Natürlich nicht gestaffelt, wie das gestandene Gärtner tun, sondern alle aufs Mal. Nun hat er die Salatostrophe.
Aber Heinz ist nicht nur Gärtner, er ist oft auch beratungsresistent und will partout nicht auf meine Verbesserungsvorschläge hören. So habe ich angeregt, den Salat einfach einzufrieren. So hätte er den ganzen Winter etwas davon. Auch bot ich ihm mein grösstes Fass an um mit seinem Salat eine hübsche Maische anzusetzen. Salatschnaps wäre doch eine gelungene Alternative zum üblichen Zwetschgenwasser. Salat habe zuwenig Zucker, meinte Heinz. Dem könne er abhelfen, sagte ich ihm, Aldi habe noch jede Menge Zucker im Laden.

Noch ein Tipp zum Schluss: Salat blüht schön, wenn man ihn lässt. Euer Traumperlentaucher.

2009-06-20

Schöne neue Welt

Von traumperlentaucher @ 09:04 [ Träume ]


Wir sassen im Beach House am Murtensee und diskutierten über Gott und die Welt. Über den Jurahöhen türmten sich mächtige Kumuluswolken. Gegen Abend hatten die Wetterfrösche Gewitter angesagt.
„Hast du gehört? Die Regierung will jetzt das private Gold einziehen um den Staatsbankrott zu vermeiden“, sagte er.
„Sie will es nur leihen“, beschwichtigte ich, „so wie bei den Zwangsanleihen für die Reichen. Es handelt sich bei dieser Aktion keineswegs um eine Beschlagnahmung und schon gar nicht um ein Goldverbot. Und von Staatsbankrott spricht niemand.“
„Was ist mit dem Solidaritätsbeitrag, der direkt vom Lohn abgezogen wird? Sind die zehn Prozent etwa auch eine Anleihe?“
„Nein, aber ohne den Soli könnten unsere Banken nicht überleben und würden das gleiche Schicksal erleiden wie die beiden Großbanken. Die Nationalbank müsste die meisten liquidieren. Seit die USA und die EU den Geldtransfer auf Schweizer Banken verboten haben, ist es für die Finanzindustrie sehr schwer geworden. “
„Tzz…Tzz, Finanzindustrie? Eher Traumindustrie! Doch der Traum hat sich zu einem Albtraum gewandelt.“ Er klaubte eine Schachtel Zigaretten aus der Hemdtasche und steckte sich drei Stück gleichzeitig in den Mund.
„Halt, das darfst du nicht! Es herrscht striktes Rauchverbot!“, sagte ich entsetzt.
„Verdammter Drogenjunkie“, murmelte eine Frau am Nebentisch, „Man sollte sie alle lebenslänglich einsperren.“
„Wieso?“, fragte mein Gegenüber. „Es besteht ja keine Brandgefahr, der See kann nicht brennen.“
„Du weißt doch, dass man in Restaurants nicht rauchen darf“, tadelte ich ihn, "auch nicht auf den Terrassen."
„Dann gehe ich rasch rüber auf den Parkplatz, meine Lungen haben Hunger.“
„Dort ist das auch verboten.“
„Wegen den Autos?“
„Nein, wegen der Gesundheit. Liest du denn kein Internet?“
Er zuckte die Schultern. „Seit es keine Zeitungen mehr gibt, lese ich nur noch Bücher.“
„Dann empfehle ich dir zur Abwechslung ein Gesetzbuch“, mischte sich die Frau ein. „Rauchen ist nur noch zuhause erlaubt. Du bist ein Schwerstkrimineller!“
„Hättest du Internet, wüsstest du das“, monierte ich.
„Was soll ich damit?“, fragte er. „Das meiste ist ja heutzutage eh zensuriert.“
„Nur die ungebührlichen Seiten. Du würdest staunen, wenn du mal reinschauen würdest, es ist gegenüber früher viel sauberer geworden. Keine Pornos, keine Killerspiele, keine links- und rechtsextremen Seiten, keine Verschwörungstheorien und keine ungebührliche Kritik der Staatsorgane.“
„Hoffentlich kommt es bei den Büchern nicht soweit. Zurzeit lese ich gerade ein Buch, das Alt-Bundesrat Merz in jungen Jahren geschrieben haben soll. So etwas hätte ich einem Finanzminister nie zugetraut: „Babette, einst das Mädchen mit den säuberlich geflochtenen Zöpfchen, war ein herrliches, vollbusiges Weib geworden. Fleisch gewordene Süsse.“ Ist das nicht herrlich?“
„Vollmundig, würde ich eher sagen.“ Die Gewitterwolken waren jetzt schon bis zum Vully vorgerückt. Hoffentlich hagelte es nicht, es wäre schade um den guten Wein.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte mein Gegenüber, der Gesichtslose. Seine Hände zitterten.
Fahr ab du Luftverpester, bevor dich die Polizei holt“, giftete die Frau am Nebentisch. Auch sie hatte kein Gesicht.
Als ich aufwachte trällerte ein Zaunkönig auf dem Balkon. Mitri, der schwarze Kater, schlich auf leisen Pfoten zur Tür.
Schön, dass es die Gegenwart gibt. Euer Traumperlentaucher.

Bild: Murtensee mit Mont Vully im Hintergrund.

2009-06-18

Wer hat Nummer 250?

Von traumperlentaucher @ 18:41 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Wie in meinem Blog vom 16.3.09 vorausgesagt, wird nun behauptet, dass die vom italienischen Zoll beschlagnahmten Treasury Bills (amerikanische Schuldscheine), im Wert von insgesamt 134.5 Milliarden Dollar, Fälschungen seien.
Um etwas wirklich gut fälschen zu können, muss man aber das Original haben. Ein Falschmünzer der keine Hunderternote als Vorlage hat, kann auch keine vernünftigen Hunderter herstellen. So ist das auch mit den Treasury Bills.
Die beschlagnahmten Schuldscheine kann man aber nicht einfach am Bankschalter kaufen, sie werden nur unter Staaten gehandelt.
Aber natürlich können auch Staaten unter die Falschmünzer gehen, wie das in der Vergangenheit schon öfter geschehen ist. Sie verfügen ja in der Regel auch über die Technologie, die für solche Fälschungen notwendig ist.
Fälschungen müssen aber auch Sinn machen, das heißt, einen Profit versprechen. Diese Papiere im Wert von 134.5 Milliarden kann man ja als Privater nicht einfach so einer Bank andrehen oder damit bei Aldi einkaufen. Da eignen sich gefälschte Hunderter besser.
Wie Mike bereits in seinem Kommentar am 16.3.09 erwähnte, versuchte wohl ein Staat einen Teil seiner US Schuldscheine heimlich zu verscherbeln.
Klar, dass die Amerikaner jetzt diese Treasury Bills als Fälschungen deklarieren. Eine bessere Gelegenheit zum Schuldenabbau gibt es nicht. Und wer will in dieser Situation jetzt das Gegenteil beweisen? Etwa die Japaner?

Bleibt nur noch die Frage, wer den 250sten Schuldschein der 249 Scheine à 500 Millionen hat? Ich nicht. Euer Traumperlentaucher

2009-06-16

Polarisation

Von traumperlentaucher @ 07:37 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Gestern machte ich in diesem Blog darauf aufmerksam, wie sich die Linksextremen und die Rechtsextremen mit den Islamisten verbünden, wenn es gilt gegen ihren gemeinsamen Feind Israel zu ziehen.
Als Test habe ich dann diese Feststellung auf einer linken Seite gepostet, mit der Bemerkung, dass sich jeder seine Wahrheit selbst zurechtzimmert und an das glaubt, was er glauben will: Die Reaktionen auf diese Provokation waren heftig, so sagte jemand unter anderem:
(Zitat)
Da du Linke und Rechte gleichberechtigt abwatschst, frage ich mich, wo Du so stehst, wenn nicht, so typisch aggressiv, Pro-US'rael. Deine 'Wahrheit' ist eine der gefaehrlichsten!
(Zitat Ende)
Und dann kam der wunderschön sinnfreie Satz von einem anderen Poster:
(Zitat)
Das Problem der Relativierung durch Zuhilfenahme der Radikalismustheorie ist der Blickwinkel.
(Zitat Ende)
Hätte ich meine Meinung auf einer rechten Seite gepostet, wäre ich wohl als Linker abgetan worden. Wer nicht links ist, ist rechts, wer nicht rechts ist, ist links. Was dazwischen ist, ist höchst suspekt, ja gefährlich. Eigentlich hat dazwischen gar nichts zu sein, außer den Politikmuffeln, oder den Füdlibürgern, wie wir in der Schweiz sagen. Wehe man entzieht sich der Polarisation. Dann ist man ein Alien. Nicht einzuordnen und daher böse per se. Aber man kann diese Nichtpolarisation noch toppen. Ganz schlimm für Links- und Rechtsaussen wird es, wenn man nicht gegen den Staat und seine Institutionen wettert. Besonders wenn es sich um Deutschland handelt.
Das Problem der Polarisation durch Zuhilfenahme von Verschwörungstheorien ist die partielle Blindheit. Euer Traumperlentaucher.

Bild: Von Heinz

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