Wir sassen im Beach House am Murtensee und diskutierten über Gott und die Welt. Über den Jurahöhen türmten sich mächtige Kumuluswolken. Gegen Abend hatten die Wetterfrösche Gewitter angesagt.
„Hast du gehört? Die Regierung will jetzt das private Gold einziehen um den Staatsbankrott zu vermeiden“, sagte er.
„Sie will es nur leihen“, beschwichtigte ich, „so wie bei den Zwangsanleihen für die Reichen. Es handelt sich bei dieser Aktion keineswegs um eine Beschlagnahmung und schon gar nicht um ein Goldverbot. Und von Staatsbankrott spricht niemand.“
„Was ist mit dem Solidaritätsbeitrag, der direkt vom Lohn abgezogen wird? Sind die zehn Prozent etwa auch eine Anleihe?“
„Nein, aber ohne den Soli könnten unsere Banken nicht überleben und würden das gleiche Schicksal erleiden wie die beiden Großbanken. Die Nationalbank müsste die meisten liquidieren. Seit die USA und die EU den Geldtransfer auf Schweizer Banken verboten haben, ist es für die Finanzindustrie sehr schwer geworden. “
„Tzz…Tzz, Finanzindustrie? Eher Traumindustrie! Doch der Traum hat sich zu einem Albtraum gewandelt.“ Er klaubte eine Schachtel Zigaretten aus der Hemdtasche und steckte sich drei Stück gleichzeitig in den Mund.
„Halt, das darfst du nicht! Es herrscht striktes Rauchverbot!“, sagte ich entsetzt.
„Verdammter Drogenjunkie“, murmelte eine Frau am Nebentisch, „Man sollte sie alle lebenslänglich einsperren.“
„Wieso?“, fragte mein Gegenüber. „Es besteht ja keine Brandgefahr, der See kann nicht brennen.“
„Du weißt doch, dass man in Restaurants nicht rauchen darf“, tadelte ich ihn, "auch nicht auf den Terrassen."
„Dann gehe ich rasch rüber auf den Parkplatz, meine Lungen haben Hunger.“
„Dort ist das auch verboten.“
„Wegen den Autos?“
„Nein, wegen der Gesundheit. Liest du denn kein Internet?“
Er zuckte die Schultern. „Seit es keine Zeitungen mehr gibt, lese ich nur noch Bücher.“
„Dann empfehle ich dir zur Abwechslung ein Gesetzbuch“, mischte sich die Frau ein. „Rauchen ist nur noch zuhause erlaubt. Du bist ein Schwerstkrimineller!“
„Hättest du Internet, wüsstest du das“, monierte ich.
„Was soll ich damit?“, fragte er. „Das meiste ist ja heutzutage eh zensuriert.“
„Nur die ungebührlichen Seiten. Du würdest staunen, wenn du mal reinschauen würdest, es ist gegenüber früher viel sauberer geworden. Keine Pornos, keine Killerspiele, keine links- und rechtsextremen Seiten, keine Verschwörungstheorien und keine ungebührliche Kritik der Staatsorgane.“
„Hoffentlich kommt es bei den Büchern nicht soweit. Zurzeit lese ich gerade ein Buch, das Alt-Bundesrat Merz in jungen Jahren geschrieben haben soll. So etwas hätte ich einem Finanzminister nie zugetraut: „Babette, einst das Mädchen mit den säuberlich geflochtenen Zöpfchen, war ein herrliches, vollbusiges Weib geworden. Fleisch gewordene Süsse.“ Ist das nicht herrlich?“
„Vollmundig, würde ich eher sagen.“ Die Gewitterwolken waren jetzt schon bis zum Vully vorgerückt. Hoffentlich hagelte es nicht, es wäre schade um den guten Wein.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte mein Gegenüber, der Gesichtslose. Seine Hände zitterten.
Fahr ab du Luftverpester, bevor dich die Polizei holt“, giftete die Frau am Nebentisch. Auch sie hatte kein Gesicht.
Als ich aufwachte trällerte ein Zaunkönig auf dem Balkon. Mitri, der schwarze Kater, schlich auf leisen Pfoten zur Tür.
Schön, dass es die Gegenwart gibt. Euer Traumperlentaucher.
Bild: Murtensee mit Mont Vully im Hintergrund.