2008-05-31

Die Friedenspfeife

Von traumperlentaucher @ 08:33 [ Träume ]


„Diese Pfeife ist heilig. Behandelt sie gut, denn sie führt euch zum Ende“, sprach die Weiße Büffelkalbfrau zu den Indianern aus dem Stamm der Lakota und überreichte ihnen die Friedenspfeife. „In mir sind vier Zeitalter“, fuhr sie fort, „wenn ich jetzt von euch gehe, so schaue ich doch auf euch zurück und am Ende werde ich wiederkehren.“

„Dort vorne“, sprach der Gesichtslose und deutete auf das kleine Licht am Ende des Tunnels, „befindet sich das Ende. Es verheißt das Ende aller Kriege – ewigen Frieden“
Ich sah ihn verständnislos an und versuchte eine Regung in seinem Nichtgesicht zu erkennen. Doch da war nur ein verwaschener heller Fleck in dem ich manchmal glaubte, ein kurzes Aufblitzen zu sehen.
„Menschen haben immer Kriege geführt. Gut hat immer gegen Böse gekämpft, und es wird immer so sein, solange es Menschen gibt“, widersprach ich ihm.
„Gut ist manchmal Böse und Böse ist gut“, orakelte er. Dann tat er etwas, was er noch nie getan hatte: er bot mir eine Zigarette an.
Einem inneren Impuls folgend, nahm ich dankend an und als ich sie in den Mund steckte, verwandelte sie sich in eine Friedenspfeife. Ich brauchte kein Feuer, denn sie qualmte schon, und scheinbar ohne mein Zutun strömte der Rauch in meine Lungen. Ein seltsames Gefühl breitete sich in mir aus und verwirrte meine Gedanken. Ich erwachte aus meinem Traum und ein seltsamer Geruch durchzog die Luft. Der Geruch von etwas, das gegangen war um wiederzukommen.

Ein schönes Wochenende, Euer Traumperlentaucher

2008-05-29

Rendezvous mit einem Toten

Von traumperlentaucher @ 07:58 [ Träume ]


Er war vor Jahren gestorben, aber nun stand er wieder frisch und munter vor mir:
„Möchtest du mein neues Haus sehen?“, fragte er mich.
Ich nickte, unfähig zu sprechen ob der Überraschung, einem lebenden Toten zu begegnen.
„Ich bin erst kürzlich hier eingezogen. Dort drüben geht es zur Bibliothek, meinem Lieblingsraum.“
Das Haus war von Licht durchflutet und die Bibliothek war ein wunderbarer Ort, mit direktem Zugang zu einem Garten, der aussah wie ein kleines Paradies. Die Verandatür stand offen, Vogelgezwitscher und der Duft von Rosen drang in den hellen Saal mit den vollen Büchergestellen. Ich wusste gar nicht, dass Rosen so intensiv duften konnten.
„Hier verbringe ich die meiste Zeit“, erklärte er mir. „Dies alles ist mein Leben.“
„Dein Leben?“, staunte ich. Doch als ich die Buchrücken genauer betrachtete, wurde mir schlagartig klar, was er meinte. Hier standen die Bücher seines Lebens. Nicht die, die er gelesen hatte, sondern die, die sein Leben geschrieben hatte. Jeder Traum, jeder Gedanke, alles was er je getan und erlebt hatte, war hier aufgezeichnet – bis ins kleinste Detail.
Ich war erschüttert. War das, das Leben nach dem Tod? Rückschau in der Unendlichkeit?
Glücklicherweise war er ein guter Mann gewesen. Wie sah wohl die Lebensbibliothek eines Bösewichts aus? Ein Lesesaal der Hölle?
Ich nahm ein Buch aufs Geratewohl aus dem Gestell. Er machte ein bekümmertes Gesicht. ‚Verpasste Gelegenheiten’ war der Titel.
„Nimm lieber einen anderen Band“, murmelte er. Ich legte das Buch wieder zurück und er reichte mir ein anderes. ‚Gemeinsame Erlebnisse’ stand auf dem Umschlag. Wir setzten uns zusammen auf die Bank, draußen auf der Veranda und schwelgten in alten Erinnerungen.
"Das nächste Mal spielen wir eine Partie zusammen, wie in alten Zeiten." Er deutete auf das Schachspiel, draußen auf einem kleinen Tischchen unter dem Kirschbaum. Nur der König stand noch auf dem Brett. Die anderen Figuren waren nirgends zu entdecken.
„Bekommst du oft Besuch?“, fragte ich.
„Nein, du bist der Erste. Aber ich bin auch erst seit gestern hier.“ Er lächelte.

Es war ein langer Traum und das erste Mal, dass ich meinen Vater wieder getroffen habe.

Hört ihr, wie die Träume vom Gestern flüstern und vom Morgen erzählen? Euer Traumperlentaucher.

2008-05-28

Der lange Arm des Imperiums

Von traumperlentaucher @ 07:14 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Wer glaubt, das Imperium habe nicht auch unser Land an der langen Leine, ist naiv.
Das heißt aber noch lange nicht, dass zum Beispiel Herr Couchpin eine Marionette des CIA ist. Im Gegenteil! Auch wenn ich den Mann nicht besonders leiden mag: er handelt im Interesse unseres Landes. Und das heißt halt manchmal, dass man den „Wünschen“ des Imperiums Folge leisten muss. Denn dieses sitzt eindeutig am längeren Hebel. Schließlich hockt an unserer Nordgrenze einer seiner eifrigsten Vasallen und schließlich wollen und müssen wir nicht nur mit diesem Geschäfte machen, sondern auch mit dem Imperium selbst. Auch wenn das Business nicht immer so rentabel ist und sich manche dabei etwas verospeln. Und natürlich müssen wir auch ab und zu Tribut entrichten, selbstverständlich hübsch verpackt und unter anderem Namen. Oder wir müssen ein paar unbequeme Papiere vernichten, Informationen liefern, einen Teil unseres Goldschatzes verkaufen oder einen Querulanten für das Imperium bespitzeln. Das ist normal. Doch solange es dem Imperium gut geht und solange das Imperium einen Feind hat, geht es auch uns gut. Über mangelnde Feinde braucht sich das Imperium, wie jedes Imperium zuvor, zwar nicht zu beklagen. Doch leider weist es in der Zwischenzeit einige Zerfallserscheinungen auf. Und das ist die eigentliche Gefahr.
Wir mögen zwar über das Imperium lästern, aber wir sollten uns immer bewusst sein, dass es – im Großen und Ganzen – ein freundliches Imperium ist. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, im Einflussgebiet eines anderen Imperiums zu leben.
In diesem Sinne: Lang lebe das Imperium.

Nehmt den Tag ein bisschen ironisch, das erleichtert manches. Euer Traumperlentaucher

2008-05-27

Der Salatstaat

Von traumperlentaucher @ 07:31 [ Träume ]


„Das ist ein Salatstaat“, erklärte der Gesichtslose und deutete nach unten. Wir sassen auf Wolke Elf und drifteten mit den anderen ruhig über das flache Land. Unten war alles grün: hellgrün, dunkelgrün, blaugrün, gelbgrün.
„Sie bauen nur Salat an? Nichts anderes?“, fragte ich und lehne mich aus meinem Wolkensessel um besser sehen zu können.
„Nein, die Salatköpfe sind die Einheimischen – oder umgekehrt.“
In diesem Augenblick verlor ich das Gleichgewicht und fiel kopfüber aus Wolke Elf. Doch der Sturz dauerte nicht lange. Ich landetet auf Wolke Dreizehn, die in diesem Moment unter uns vorbeizog. Der Gesichtslose war mir gefolgt, er flog wie Superman.
„Wir sollten Sicherheitsgurte installieren“ scherzte er und hustete anschließend so stark, dass sich die Wolkenränder schwarz färbten. Vom Teer aus seinen Lungen, vermutete ich. Er hatte ja die Angewohnheit, ganze Packungen aufs Mal zu rauchen.
„Salat kann nicht denken“, behauptete ich. „Außerdem kann er sich nicht fortbewegen und er produziert nichts als Salat.“
Der Gesichtslose drehte sich aus einem Wolkenfetzen eine Zigarette. Ein kleiner Blitz schoss aus dem Wolkendrachen, der uns begleitete und entzündete sie. Der Drache hustete und es klang wie Donner.
„In der Gegend herumzuwuseln und Dinge zuproduzieren ist kein Zeichen von Intelligenz. Salat ist gescheiter als du denkst.“
„Aber jemand muss ihn doch pflanzen. Salat ist nicht selbstständig!“
„Es sind die Bäume dort drüben, sie sind die Götter. Sie passen auf den Salat auf.“ Er deutete auf einen bewaldeten Hügel. Der Zigarettenrauch quoll ihm dabei aus dem Nichtgesicht und bildete eine separate Wolke, die einem Totenkopf glich.
„Bäume! Staunte ich. Sie sprechen nicht und lassen sich widerstandslos fällen. Das soll intelligent sein?“
Die Totenkopfwolke verwandelte sich in eine Torte.
„Außerdem besitzen sie keine Augen“, fügte ich an. „Sie können uns nicht einmal sehen.“
„Trotzdem sind sie die am höchsten entwickelten Wesen auf unserem Planeten, wesentlich gescheiter als die Menschen.“
Er verscheuchte die Tortenwolke und warf ihr die Zigarettenkippe nach. Dann erklärte er:
„Dass Bäume nicht denken, ja, nicht einmal Lebewesen sind, denkt nur der Mensch. Er meint, er habe ein Monopol auf Intelligenz und sei der Herrscher des Planeten. Dabei ist er bloss ein Parasit. Im Gegensatz zu den Bäumen, die völlig im Einklang mit der Erde leben. Menschen verstehen die Sprache der Bäume nicht und ihre Philosophie ist ihnen fremd, sie können sich nicht vorstellen, Wurzeln zu schlagen und immer am gleichen Ort zu verweilen.“
Ein Hustenanfall schüttelte ihn, aber er zupfte trotzdem ein Stück Wolke aus Nummer Dreizehn um sich eine neue Zigarette zu drehen.
„Ihre Strategie heißt Leben und nicht Zerstörung, sie sind äußerst geduldig und wissen, dass sie immer noch da sein werden, wenn die Parasiten schon längst verschwunden sind.“

Als ich aufwachte blinzelte mir die Buche vor meinem Fenster mit ihren Blättern zu.

Ich wünsche euch einen langen Tag und eine noch längere Nacht. Euer Traumperlentaucher

2008-05-26

Ein Hund wie ein Kalb

Von traumperlentaucher @ 06:49 [ Begegnungen ]


Als ich sie kommen sah, wusste ich sofort was passieren würde. Die Frau war klein und zierlich und hatte eine Stimme wie ein Vögelchen. Ihre drei Kinder waren richtige Wildfänge und tanzten ihr auf der Nase herum. Doch die waren nicht das Problem, sondern das Tier an ihrer Seite, groß wie ein Kalb und vermutlich doppelt so schwer wie sie. Als es mich sah, rannte es sofort los.
Ich weiß nicht wieso das so ist, aber Hunde lieben mich. Die Deutsche Dogge der kleinen Frau war da keine Ausnahme. Der Hund legte mir freundschaftlich die rechte Vorderpfote auf die linke Schulter und begann mein Gesicht mit einer Zunge abzulecken, die so groß war wie ein Waschlappen. Der Speichel troff dem mächtigen Tier aus den Mundwinkeln und seinem Rachen entströmte ein fürchterlicher Geruch.
„Platz Karl*“, piepste die Frau und griff nach der Leine. Mein Hemd hatte ich in der Zwischenzeit innerlich abgeschrieben. Auch die Hosen waren futsch. Aber immerhin war ich nicht hingefallen und hielt dem Viech stand. Mehr konnte ich nicht tun.
Karl hatte mich zum Fressen gern. Er legte mir auch noch die andere Pfote auf die Schulter und schaltete die Speichelproduktion in den Schnellgang. Ich presste den Mund zusammen. ‚Fleischerhund’ nennt man die Viecher, weil sich nur ein Metzger so ein Tier leisten kann.
„Kaaaarl, das genügt jetzt. Lass den Herrn in Ruhe.“
Doch Karl war das entweder egal oder er war schwerhörig, er kaute an meinem Jackett. Auch dieses Kleidungsstück schrieb ich im Geiste ab.
Da endlich nahte die Rettung. Eines der Kinder ergriff die Leine und zog den Hund zurück. Ich taumelte, als der Ballast plötzlich von mir abfiel.
„Nichts für ungut“, piepste die Frau und hielt mir ein Papiertaschentuch hin. Ich winkte dankend ab und zottelte verstört davon. Gut, dass das meine Katzen nicht gesehen haben, sie hätten sich sonst totgelacht.

Einen guten Wochenstart. Euer Traumperlentaucher

*Name geändert

2008-05-24

Wenige Zentimeter

Von traumperlentaucher @ 08:56 [ Begegnungen ]


Armin zog ein Zentimetermaß aus seiner Tasche und öffnete es in voller Länge.
„Weißt du eigentlich, wie alt ich bin?“, fragte er mich.
„Ich denke, so um die Fünfzig. Du hast es mir ja nie gesagt und auch deine Geburtstagsfeiern waren geheim.“
„Es gab keine“, entgegnete er. „Aber heute verrate ich dir das Geheimnis.“ Er deutete auf die Siebenundfünfzig.
Natürlich wusste ich das bereits und ich wusste auch, dass Armin Geburtstage hasste und hatte deshalb dieses Thema nie angesprochen.
„Schau, das ist unser Leben.“ Er strich dabei über die ersten hundert Zentimeter des Zweimetermessstabes. „In wenigen Zentimetern bin ich 65 und gehe in Pension.“
„Da bist du doch schon. Du hast doch schon lange aufgehört zu arbeiten.“ Solange ich dich kenne, wollte ich anfügen, aber ich biss mir auf die Zunge. Armin war trotzdem beleidigt.
„Natürlich arbeite ich. Du weißt doch, dass ich Erfinder bin.“
Ich nickte verständnisvoll. Amins Erfindungen waren so eine Sache. Eher würde ein Schwein fliegen, als dass er etwas Nützliches erfinden würde. Es müsste dazu nur etwas größere Ohren haben.
„Und dann“, fuhr Armin fort, „macht es schwupp und in weiteren fünf Zentimetern bin ich siebzig und ein Greis.
„Na ja, mit Siebzig ist man heute noch rüstig“, wiegelte ich ab. „Außerdem bleiben dann in der Regel noch ein paar Zentimeter übrig.“ Trotzdem kam mir die verbleibende Strecke verdammt kurz vor, wenn ich das Zentimetermaß betrachtete. Bis fünfundsechzig Zentimeter war es eine beachtliche Distanz, dagegen waren die paar restlichen Zentimeter mickrig.
„Heute stand in der Zeitung, dass wir in Zukunft einige Zentimeter länger bis zur Pension arbeiten müssen, weil sonst zu viele Zentimeter übrig bleiben bis Meister Tod unser Maßband abschneidet.“
„Dann wirst du halt bis Siebzig erfinden müssen“, grinste ich. Kam dann aber ins Grübeln, als ich an mein Zentimetermaß dachte.

Ein schönes Wochenende. Euer Traumperlentaucher

2008-05-23

Spekulation

Von traumperlentaucher @ 08:23 [ Peak Oil ]


Vielleicht sollte ich ein paar tausend Liter Heizöl bestellen. Zwar läuft bei mir eine Wärmepumpe, aber ich könnte damit zum Beispiel einen Swimmingpool füllen, dann wäre ich mein eigener Scheich. Ich besitze allerdings keinen Pool, aber vielleicht könnte ich das Öl ja auch im Keller meines Nachbarn unterbringen, der braucht zwar auch keines, ist aber nie da. Dann, wenn der Preis noch mehr steigt, rufe ich den Tankwagenmann, um es abzupumpen, bevor der Nachbar nach Hause kommt.
Allerdings bin ich nur ein kleiner Spekulant, richtige Zocker haben sicher auch richtig große Bassins oder Nachbarn mit riesigen Kellern.
So und nicht anders muss es sein, denn alle reden davon, dass die Spekulation am steigenden Ölpreis schuld sei. Angebot und Nachfrage: Quatsch! Das Zeug wird irgendwo gehortet. Genau wie 1974 bei den Hunt-Brüdern als sie den Silbermarkt aufmischten, bzw. leerkauften. Etwas haben die aber falsch gemacht, denn sie gingen dabei Pleite.

„Du spinnst, heute braucht man gar kein Öl zu kaufen, heute kauft man einen Terminkontrakt, einen sogenannten ‚Future’“, meinte mein Banksachverständiger zu der Idee.
„Wieso, kann man damit auch heizen?“, war meine Frage.
„Natürlich nicht. Ein Future ist ein Vertrag über die Lieferung einer bestimmten Menge eines bestimmten Stoffes zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft Darum heißt er auch Future, Köpfchen!“
„Aber ich will doch das Öl gar nicht, weder gestern noch morgen, ich will bloß damit spekulieren.“
„Dann musst du halt dein Future verkaufen, bevor es soweit ist und der Tankwagen anrückt. Dafür kannst du mit einer ganzen Schiffsladung spekulieren ohne den Kahn irgendwann mal gesehen zu haben.“
„Also so eine Art Schwarzpeterspiel? Doch was macht dann der Letzte? Kann er das Future nicht einfach beim Schalter an der Börse zurückgeben?“
„Natürlich nicht, du Träumer. Es ist wie überall im Leben: den Letzten beißen die Hunde.“

Seit diesem Gespräch traue ich der Spekulation nicht mehr so ganz. Vielleicht steigen die Preise von Benzin und Heizöl doch wegen dem uralten Mechanismus von Angebot und Nachfrage – im Grossen und Ganzen.

Trinkt Benzin! Noch ist es billiger als Bier. Euer Traumperlentaucher.

2008-05-22

Ankenteller

Von traumperlentaucher @ 07:25 [ Träume ]


Er fuhr mit der Zunge über das Ankenteller und entlockte damit seinem rechteckigen Instrument eine Reihe gar wunderlicher Klänge. Sphärenmusik oder Engelsgesang hätte man es nennen können, „Unbeschreiblich“ wäre aber treffender gewesen. Eine Musik, die noch nie ein Mensch mit seinen äußeren Ohren gehört hat, höchstens mit seinen inneren.
Das Ankenteller war gut gefettet mit Butterresten und seine wieselflinke Zunge, der man mit den Augen kaum folgen konnte, erzeugte zu den himmlischen Klängen ein weiches Schnalzen. Ein mehrdimensionaler Rhythmus, der in meinen Innern ein Echo auslöste. Es ist der Takt, realisierte ich.
Sein Spiel wurde immer schneller bis das Schnellen und Schnalzen seiner Zunge auf dem Ankenteller dem sirrenden Flügelschlag eines Kolibrischwärmers glich. Das hält es nicht aus, schoss es mir durch den Kopf, gleich wird es zerspringen. Doch plötzlich hielt er inne, seine Zunge verschwand in der Leere seines Nichtgesichts und er legte das Ankenteller behutsam ins weiche Moos, das in unendlicher Langsamkeit über den Sandstein kroch, auf dem wir sassen.
„Du machst Musik?“, fragte ich den Gesichtslosen erstaunt.
„Es sind bloß Erinnerungen an Zeiten die weit hinter uns und weit vor uns liegen.“
„Deine Musik ist wunderschön und ich bin geneigt zu glauben, dass sie aus tiefer Vergangenheit oder aus einer fernen Zukunft stammt, doch beides gleichzeitig scheint mir unmöglich.“
Er hüstelte dezent, sein Äquivalent eines Lächelns, und erwiderte:
„Die Zeit ist wie ein Kreis, was hinten liegt, steht uns bevor.“
„Ein seltsames und äußerst simples Modell“, monierte ich
„Es sind unendlich viele Kreise, wie das Innere eines Balls.“
Auch wenn ich noch nie im Innern eines Balls gewesen bin: das konnte ich mir gut vorstellen. Doch der Gesichtslose fuhr weiter:
„Der Ball ist mit unendlich vielen Bällen gefüllt.“
„Das ist nur möglich, wenn die Bälle unendlich klein sind oder der große Ball unendlich groß ist“, entgegnete ich und fühlte mich dabei sehr scharfsinnig.
"Es gibt unendlich viele, sowohl von den großen wie auch von den kleinen Bällen. Und die kleinen sind nicht nur in den großen, sondern die großen auch in den kleinen."
"Pardon, jetzt muss ich passen"
"Du solltest nicht immer alles bildlich nehmen", hüstelte er.
Der Gesichtslose griff wieder nach seinem Ankenteller und fuhr mit der Zunge langsam über dessen Rand. Es war nur ein einzelner Ton, den er erzeugte, doch für einen Augenblick glaubte ich zu verstehen, was er meinte.
Aber mit dem Aufwachen war auch mein Verständnis verschwunden. Vielleicht spinnt er ein wenig, mein Traumbegleiter ohne Gesicht.

Einen fröhlichen Tag, Euer Traumperlentaucher

2008-05-21

Lasset uns sündigen!

Von traumperlentaucher @ 07:45 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Große Sünden bringen Kummer und Sorgen, doch kleine Sünden würzen das Leben. Ohne sie ist es fade und eintönig.

Eine der schönsten kleinen Sünden ist das Nichtstun. Doch um das Faulenzen richtig zu genießen, sollte man kein schlechtes Gewissen aufkommen lassen und dabei nicht am Arbeiten herumstudieren. Das kann man trainieren: Ab und zu Blaumachen, vorzugsweise Montags oder Freitags, bringt einem auf den richtigen Geschmack. Und macht euch bloß keine Sorgen wegen eurem Chef. Auch der macht blau – häufiger als ihr denkt. Nur heißt das bei ihm nicht „Krankheit“ sondern „Seminar“ oder „Geschäftsreise“.

Eine richtig tolle Sünde ist das „Durchmachen“. Eine Nacht so richtig auf die Pauke hauen bis in die frühen Morgenstunden, das schüttelt den Biorhythmus und beweist uns, dass wir noch leben und nicht schon gestorben sind. Natürlich liegen wir am nächsten Tag rum wie ein lahmer Hund, vor allem wenn wir die Vierzig überschritten haben, doch der Kater gehört zur Party wie der Zapfen zur Flasche.

Eine wunderbare Sünde ist auch das „Lästern.“ In vertrauter Runde über andere herzuziehen, sie nach Strich und Faden auseinander zunehmen und schwarzweiß zu malen, ist zwischenmenschliche Kommunikation pur. Die geteilte Meinung stärkt die Beziehung und steigert das Selbstwertgefühl. Geeignet sind Chefs, Nachbarn, Arbeitskollegen und andere arme Teufel.

Asketische Müsliesser in Heilandsandalen und selbstgestrickten Pullovern kennen sie vermutlich nicht: Die Sünde aller Sünden: Die Schokoladenlust. Sie beginnt mit einem ungezügelten Verlangen nach Süßem. Man sollte ihm unbedingt nachgegeben, unterdrücken bringt nur Frust. Profis hinterlassen übrigens nie angebrochene Tafeln. Keine Sorge, der Prozess hat eine Sicherung. Mit Schokolade kann man sich nicht umbringen.
Man sollte sich auch keine Sorgen wegen ein paar Speckrollen machen. Ab Dreißig ist ein Pfund pro Jahr zuviel erlaubt. Betrachten wir den Überschuss einfach als Reserve für schlechte Zeiten.

Ein Glas Wein am Abend ist noch keine Sünde. Dazu braucht es etwas mehr. Ab und zu einen über den Durst zu trinken tut gut. Doch bei dieser kleinen Sünde gibt es einige Regeln zu beachten:
Man lasse sich chauffieren, dann muss man auch nicht blasen. Echauffieren und blasen lassen, ist was anderes. Zweitens: Man oder Frau soll die Getränke nicht mischen. Sonst kommt am nächsten Morgen Kater Karlo vorbei. Persönlich trinke ich in solchen Fällen am liebsten klaren Schnaps. Der produziert die lustigsten Diskussionsabende und die geringsten Nebenwirkungen.

Zum Schluss noch eine kleine Sünde, die immer wieder Spaß macht: Ein kurzer Flirt tut beiden gut, mit einer hübschen Frau, mit einem intelligenten Mann, je nach Interessenlage. Doch Vorsicht: Dabei sollte es auch bleiben. Werden Flirts zu Seitensprüngen, wird das Leben plötzlich kompliziert und ehe man es sich versieht, fällt es auseinander und man wühlt in den Trümmern.

Heute schon gesündigt? Euer Traumperlentaucher.

2008-05-20

Nebelfahrt, zweiter Teil

Von traumperlentaucher @ 07:25 [ Traumgeschichten ]


Wie gestern berichtet, fahren wir zurzeit Vollgas geradeaus und wundern uns, dass es nicht weiter aufwärts geht. Doch im dichten Nebel ist die Strasse kaum zu erkennen und wir sehen nicht, was vor uns liegt.
Der Beifahrer ist der Meinung, dass die Strasse nicht nur bald wieder nach oben führen, sondern sich auch zu einer Autobahn verbreitern wird. Wir könnten deshalb ruhig noch einen Zacken zulegen. Der Dicke hinten, leicht beduselt, stößt ins gleiche Horn. Nur der Gesichtslose auf dem Rücksitz ist anderer Meinung. Er glaubt, dass wir die Passhöhe erreicht hätten und es bald abwärts gehen würde und dass die Strasse bald holpriger sein werde, voller Schlaglöcher. Ja, er ist der Ansicht, dass wir schon bald aussteigen und zu Fuß weitergehen müssten. Der Dicke lacht und spricht von einer Verschwörungstheorie. Er hat bisher jede Warnung abgetan und meistens Recht behalten.
Ungeachtet dessen, fährt der Gesichtslose fort mit seinen düsteren Prophezeiungen. Wir hätten Blasen in den Bremsleitungen. Die würden zwar nicht platzen, aber wir könnten deshalb nicht gut bremsen und würden irgendwo dort vorne im Nebel gegen den Felsen fahren. Alle würden das nicht überleben. Überhaupt werde nur einer von uns den Abstieg ins Tal schaffen, denn auch der Fußmarsch werde schwierig sein. Der Beifahrer wird zunehmend nervöser, als der Gesichtslose erklärt, wir hätten nur noch drei Bier im Kofferraum. Doch nachschauen will niemand. Er behauptet auch, unser Tank sei bereits halb leer und wir würden wegen der Vollgasfahrt zuviel verbrauchen. Der Dicke mampft ein Sandwich und erläutert uns mit vollem Mund seine Glaubenssätze:
Erstens, sei es bisher immer nach oben gegangen, daher werde es auch in Zukunft immer nach oben gehen. Zweitens, sollten wir unseren Wagen so modifizieren, dass er mit Bier laufe, davon hätten wir ja noch im Kofferraum. Und drittens, werde der Markt alles regeln. Wenn unser Verbrauch tatsächlich gestiegen sei, was er anhand der Statistik zwar bezweifle, müssten dort vorne weitere Tankstellen wie Pilze aus dem Boden schießen.
Der Gesichtslose unterbricht den Dicken und deutet auf das Wagendach: Ob wir denn wüssten, dass wir in der Zwischenzeit dort oben noch vier blinde Passagiere hätten, die sich verzweifelt an das Fahrzeug klammerten? Und er fragt weiter, ob wir denn das Klopfen aus dem Kofferraum nicht hören würden. Dort hätten sich weitere blinde Passagiere eingenistet. Sie hätten gerade das Reserverad über Bord geschmissen und würden das verbleibende Bier trinken. Außerdem würden sie verlangen, mit den Wageninsassen die Plätze zu tauschen. Der Fahrer klammert sich bei diesen Worten verbissen an sein Lenkrad. Kampflos wird er es wohl keinem überlassen. Aber er bekundet etwas Mühe mit dem Steuern. Der Wagen scheint ziemlich überladen zu sein und der Gesichtslose macht ihn gerade darauf aufmerksam, dass vermutlich auch die Pneus abgefahren sind und kein Profil mehr aufweisen. Das wird eine Höllenfahrt.

Eine fröhliche Zeit. Euer Traumperlentaucher

Bild: Die tickende Bombe auf dem Parkett der Weltenbühne.

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