"Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit.
Die glaubt niemand." (Max Frisch)
Natürlich wissen wir alle, dass das, was in der Zeitung steht, entweder gelogen, abgeschrieben oder zurechtgebogen ist. Natürlich haben wir schon längst gemerkt, dass gewisse Themen gemieden werden, wie der Teufel das Weihwasser scheut. Und selbstverständlich kennen wir all die Floskeln und Redewendungen mit denen die Zeitungen gefüllt werden um den Informationsgehalt zu minimieren. Wir brauchen nicht die ganze Weltwoche zu lesen um zu wissen, wie weit rechts das Blatt steht und wir müssen den Spiegel nicht mehr am Kiosk kaufen um festzustellen, dass er eigentlich ein Sprachrohr der USA und seiner engsten Vasallen ist. Ebenso ist den meisten klar, dass der Tagi links steht und die WOZ noch mehr links vom Tagi. Nur beim Blick ist es auf den ersten Blick nicht klar. Wie eine Wetterfahne flattert er in der Zeitungslandschaft umher und kämpft verzweifelt in der untersten Schublade gegen die Gratiszeitungen. Aber wer liest schon diesen Mist?
Doch stellt euch einmal vor, ihr wärt Journalist.
Stellt euch vor, ihr müsst jeden Tag pünktlich euer Geschreibsel abliefern. Nicht das, was euch so einfällt, das darf nur ein Blogger, sondern das, was euer Chefredakteur befiehlt.
Da bleibt keine Zeit und kein Platz für investigativen Journalismus. Ja, es bleibt nicht einmal Zeit für ein vernünftiges Mittagessen. Es sei denn, ihr wärt bei einer Firma zur Präsentation eines neuen Produkts oder des Geschäftsabschlusses eingeladen und bekommt zum Dessert die Vorlage für euren Bericht serviert – vorgekaut und pfannenfertig.
Stellt euch vor, ihr müsst täglich aufpassen, dass ihr nicht in tausend Fettnäpfchen tretet. Da ist die Baufirma XY, die zwar eine Riesenschweinerei gebaut hat, aber deren Chef ist ein Kollege von YX und der ist erstens Richter und zweitens ein Parteifreund des Chefredakteurs. Zudem ist er mit XX befreundet, der immer wieder seine blödsinnigen aber einträglichen Inserate in eurer Zeitung schaltet.
Aber nehmen wir doch ein konkretes Beispiel: Euer Chef erteilt euch beim morgendlichen Briefing den Auftrag, einen Artikel über den Traumperlentaucher zu schreiben. Das kommt euch zwar spanisch vor, denn dieser Traumperlentaucher hat noch nie ein Inserat aufgegeben, ist weder in der Partei des Chefs, noch ein Golfkollege.
Ihr googelt also etwas herum und da ihr nicht schlauer werdet, greift ihr zum Telefon und versucht den Kerl fernmündlich zu interviewen. Das ist am bequemsten, so müsst ihr euren Hintern nicht aus der warmen Schreibstube bewegen. Der Traumperlentaucher erzählt euch wirres Zeug von Träumen und Gesichtslosen und einem gewissen Armin und ihr schaut nebenher im Telefonverzeichnis nach, ob ihr nicht etwa die Nummer der Klapsmühle erwischt habt.
Wenn ihr jetzt könntet wie ihr wolltet, so würdet ihr schreiben:
Traumperlentaucher ist ein Spinner und schreibt wirres Zeug, das kein Schwein liest, geschweige denn interessiert. Wie aus gut informierten Kreisen zu erfahren war, ist er vermutlich aus einem Sanatorium für Geistlose entwichen. Ein Nachbar, dessen Name der Redaktion bekannt ist, hat ihn schon tagsüber spazieren gesehen, ein absolut unübliches Verhalten, das nur den Schluss zulässt, dass es sich hier um einen potentiellen IV-Betrüger, einen Arbeitsscheuen oder den Priester einer Sekte handelt. Wie aus der Polizei nahe stehenden Kreisen zu erfahren war, steht er jedoch unter Beobachtung, so dass eine Gefährdung der Allgemeinheit ausgeschlossen werden kann.
Ihr haut auf die Tasten, dass es dem Computer Angst und Bange wird. Endlich könnt ihr die Sau...bzw. eure Meinung rauslassen. Doch Halt!
Ihr könnt nicht, wie ihr wollt.
Wenn jetzt dieser Traumperlentaucher entgegen euren Googeleien doch irgendwelche Beziehungen hat?
Ihr drückt die Delete-Taste und beginnt neu:
Traumperlentaucher gehört in der heutigen Szene zu den wohl innovativsten Bloggern der Neuzeit. Nicht nur seine Texte zeugen von einem außergewöhnlichen künstlerischen Niveau, auch seine Bilder beweisen tagtäglich, dass hier ein vielversprechendes Talent am Werke ist. Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahre war, wurde Traumperlentaucher bereits für den bekannten Hornuss-Preis nominiert. Professor Dummerweis vom Institut für modernde Weblogkunst bezeichnet seine Texte als „von durchdrungener Schärfe und metaphysischer Eleganz geprägt“. Wie ein nicht genannt sein wollender Blogger berichtet, sei Traumperlentaucher....blablabla...blablabla.
Und dann drückt ihr wieder die Delete-Taste und denkt: Ach scheiße, ist doch eh egal, was ich schreibe, schon übermorgen befindet sich meine Arbeit im Altpapier.
Ob Zahnstangenbettler, Strassenverschönerer, Blaupausenphysiker oder Bremsenarzt: bleibt lieber bei eurem Job und werdet nie, ich betone, niemals Journalist. Euer Traumperlentaucher