Bonusgespräch
| Von traumperlentaucher @ 07:59 | [ Erinnerungen ] |

Vermutlich geht es um meinen Bonus oder ich bekomme mehr Lohn, dachte ich, als mich mein Chef zu sich bestellte. Doch ich hatte mich gründlich geirrt.
„Ich habe von meinen Kollegen recht widersprüchliche Meldungen über Ihre Aktivitäten in der Firma erhalten“, eröffnete er mir ohne Small Talk zur Einstimmung. In meinem Kopf wechselten sämtliche Lämpchen von grün auf rot. Ich wusste sofort, dass es nicht seine Kollegen, sondern meine waren, von denen er sprach. Mir steckte ein großes Messer im Rücken, ich spürte es.
„Ich habe mich auch schon gefragt, was Sie in unserer Firma eigentlich tun“, fuhr er mit seiner Schocktherapie weiter. Genau das hatte ich mich auch schon gefragt.
„Sie sollten sich in der nächsten Zeit überlegen, was Sie für uns noch tun können.“
Ich nickte nur, in solchen Situationen ist es besser zu schweigen, zumal die Entscheidungen schon gefallen sind, wie sein nächster Satz bewies:
„Ich werde Sie dieses Jahr ersetzten müssen und ich habe bereits einen Headhunter beauftragt, geeignete Kandidaten zu suchen. Ich hoffe, Sie werden dabei kooperieren.“
An dieser Stelle muss ich anmerken, dass mein Chef ein Deutscher war. Darum auch seine unschweizerische Direktheit. Allerdings ein Deutscher mit Migrationshintergrund. Er sprach zwar wie ein Deutscher und handelte auch so, aber in Wirklichkeit mochte er sie nicht. Trotzdem ersetzte er, wo er konnte, jeden Schweizer durch einen Deutschen. Das würde auch in meinem Fall so sein. Denn er wusste genau, wie er seine Landsleute steuern konnte und wie sie ‚funktionierten’.
Meine Zeit war also abgelaufen, von einer Minute auf die andere. An seiner Stelle, hätte ich mich entlassen und das sagte ich ihm auch. Ein Amerikaner, zum Beispiel, hätte das schon längst getan: You’re fired!
Doch das würde er nicht tun, er würde mich einfach kaltstellen, auf einen Posten abschieben, den es eigentlich gar nicht gab und mir eine Aufgabe zuschanzen, die eigentlich keine war. Bis es mir langweilig würde und ich von selbst ging.
„In der nächsten Zeit, werde ich einige Kandidaten bei Ihnen vorbeischicken.“
Aha, ich sollte also meinen Sarg selbst zimmern. Zum Schluss, als ich schon unter der Tür stand, schob er noch nach:
„Selbstverständlich haben sie kein Mitspracherecht, ich allein werde über ihre Nachfolge bestimmen.“ Doch ich wusste, dass es nicht so sein würde. Denn ich kannte meinen Chef besser als er dachte.
Schon bald meldete sich der erste Kandidat, aus Hamburg. Kategorie: Eisenfresser. Ich solle jemanden schicken, um ihn am Flughafen abzuholen. Also setzte ich die Chauffeurmütze auf und fuhr hin.
Der Eisenfresser vertraute auf der Rückfahrt seine ganze Geschichte dem vermeintlichen Chauffeur an und ich spielte innerlich dazu auf der Ziehharmonika. Das war mein Kandidat! Ihn würde ich meinem Chef empfehlen.
Leider war der Eisenfresser nicht gerade glücklich, zu vernehmen, dass ich nicht von Beruf Chauffeur war, als wir bei der Firma ankamen.. So wurde aus dieser Nachfolge nichts.
Doch dann kam der Mann aus Düsseldorf. Kategorie: „Bei uns geht alles Ruckzuck Zackzack.“ Seltsamerweise lief er dabei immer rot an.
Ich wusste sofort: Er oder keiner! Der Gute hatte einen katastrophalen Lebenslauf: Eine Pleite nach der anderen. Doch der Headhunter hatte ihn tüchtig frisiert und mein Chef würde das nicht merken. Wer zweifelt schon an einem externen Experten? Also Hop und Ex, oder umgekehrt!
Diesmal klappte es. Mein Nachfolger zog mit Fanfaren ein und ich wurde aus meinem Büro in die Abstellkammer verschoben. Meine Kollegen (die mit dem Messer) grinsten, ich stellte mich dumm. Der Pleitegockel aus Düsseldorf frisierte seinerseits meine Powerpoint-Präsentationen und verkaufte sie als seine eigenen. Die Umsatz- und Gewinnversprechen explodierten.
Für mich war es höchste Zeit Adieu zu sagen. Ein Jahr später ging mein Nachfolger.
Billige Rache? Ach wo denkt ihr bloß hin. Nur ein Bonus.
Ich wünsche Euch ein angenehmes Bonusgespräch. Euer Traumperlentaucher












