Der Traumperlentaucher sass reglos am Fenster und schaute in den Park hinter dem Sanatorium, als mir ein Weißkittel die Tür aufschloss. Mein Freund wirkte abwesend, fast gläsern. Lange sah er mich nur an ohne eine Begrüßung, ohne eine Regung, dann sagte er: „Jetzt weiß ich, wie es ist, wenn man einen Vogel in einen Käfig sperrt.“
Ich klingelte nach dem Weißkittel und fragte, ob wir nicht zusammen einen Spaziergang im Park unternehmen könnten und wieso Traumperlentaucher eingesperrt wäre.
„Früher hätten wir solche Fälle mit Elektroschocks kuriert“, erhielt ich zur Antwort. Worauf ich entgegnete, dass ich früher solche Antworten mit einer rechten Geraden korrigiert hätte.
Nach längerem Hin- und Her und Rücksprache mit der Direktion liess man uns schliesslich ziehen. „Passen Sie auf, der Mann ist renitent und allgemein gefährlich“, gab mir die Pickelgesichtige mit auf den Weg.
Als wir auf der Bank beim Ententeich sassen, fragte ich Traumperlentaucher, was er denn angestellt habe. Er schaute wie abwesend zu den gründelnden Enten und sagte wie beiläufig:
„Nichts besonderes, ich habe bloß Bonbons an die anderen Gäste verteilt.“
„Wo hast du denn die Bonbons her.“
„Du erinnerst dich sicher noch an das kleine Mädchen, von dem ich dir erzählt habe. Ich habe es wieder getroffen. Es verstreute Bonbons auf dem Korridor vor meinem Zimmer und sang dazu wie üblich: „Eins ist Eins und Zwei ist Drei, Fünf ist Acht und dann kommt die böse Dreizehn.“
„Was hat es mit der bösen Dreizehn auf sich?“, wollte ich von ihr wissen, doch es gab mir ohne ein Wort zu sagen eines der Bonbons und hüpfte weiter. Ich riss das Papier auf und da stand: „Unglücklich ist, wer die Dreizehn isst.“ Ich habe lange über diesen Spruch nachgedacht, kam aber zu keinem Schluss. Erst Klaus Kinski, der zufällig in seinen Pantoffeln vorbeischlurfte, brachte mich auf den entscheidenden Gedanken: „Schau doch mal bei der Dreizehn vorbei!“
Da wusste ich, dass das Mädchen mit der bösen Dreizehn ein bestimmtes Zimmer meinen musste. Doch welches? Die Türen haben hier keine Nummern.“
„Und? Was hast du getan?“ wollte ich von Traumperlentaucher wissen.
„Ganz einfach, ich habe die Türen gezählt, wie es das kleine Mädchen vorgemacht hat: Eins ist Eins und Zwei ist Drei, Fünf ist Acht und dann kommt die böse Dreizehn.“
„So hast du die Dreizehn gefunden?“
„Ja, ich denke schon. Die Dreizehn ist nämlich das Bonbonlager. Als ich die Tür vorsichtig öffnete, erblickte ich Schränke und Gestelle voller Bonbons. Eine weißgekleidete ältere Frau füllte gerade Bonbons in Papiertüten. Sie erschrak bei meinem Anblick so sehr, dass sie alle auf dem Boden verstreute – fast wie das kleine Mädchen.“
„Du hast also die Hausapotheke gefunden?“
„Wie du willst. Auf jeden Fall half ich der armen Frau beim Zusammenlesen der Bonbons.“
„Du weißt genau, dass das keine Bonbons sind, sondern Medikamente“, entgegnete ich gereizt. „Und dann, was ist dann geschehen?“
Traumperlentaucher starrte immer noch wie unbeteiligt auf die Enten im Teich, dann sagte er fröhlich: „Die Hälfte der Bonbons – oder Medikamente, wie du sagst – habe ich natürlich in die eigene Tasche gesteckt. Ein gewisser Notvorrat kann ja nicht schaden. Später habe ich sie dann in schönes Papier gewickelt, in das von der Weinflasche, die du mir gebracht hast. Sie sahen nun genauso aus, wie die Bonbons, die das Mädchen verstreut.“
Ich ahnte Schlimmes. „Und dann hast du sie verteilt?“
„Ja, die anderen Gäste waren sehr erfreut und haben mit Vergnügen von allen gekostet.“
„Du bist total übergeschnappt, so kriegen wir dich hier nie raus“, regte ich mich auf.
„Kein Problem, wir nehmen das sowieso selbst in die Hand.“ Dann senkte er die Stimme und flüsterte: „Wir haben nämlich eine Kommandoaktion geplant.“
„Was? Wer? Wie?“
„Klaus, das Bonbon-Mädchen und ich. Leider will der Gesichtslose nicht mitmachen.“
„Da hat er Recht. Hör mal. Du musst jetzt total vernünftig sein, dann bekommen wir dich hier auch wieder raus. Keine Kommandoaktionen, keine Bonbonaktionen, hast du verstanden? Und keine Gespräche mehr mit Kinski und dem Mädchen – auf jeden Fall nicht tagsüber.“
„Ja, ja, ich weiß, du magst die beiden nicht, genauso wie der Gesichtslose.“
„Verdammt noch mal, so hör doch wenigstens auf deinen Gesichtslosen“, sagte ich wütend.
Traumperlentaucher schaute mich plötzlich durchdringend an: „Weißt du, ich bin ja nicht blöd, ich sehe doch genau, was hier abgeht. Ich treffe Leute, die ihr nicht treffen könnt oder wollt. Sie existieren nur in meinen Träumen. Doch meine Träume sind nun Wirklichkeit geworden, Armin. Es gibt nicht nur eure Ebene, die ihr als so real betrachtet, das Leben ist viel komplizierter. Aber ich will hier raus, denn diese Menschen hier behandeln mich schlecht und verstehen mich nicht. Ich werde mir also Mühe geben.“
Ich war erleichtert. „Komm, gehen wir zurück in dein Zimmer.“
Der Weißkittel, der uns bisher immer beobachtet hatte, schlich hinter uns her und öffnete die Tür. Im Zimmer angekommen nahm er eine kleine Spritze aus seiner Tasche. „Nur zur Beruhigung“, bemerkte er mit falscher Stimme.
„Tun Sie das nicht“, funkelte Traumperlentaucher. „In meinem linken Backenzahn ist eine Zyankalikapsel, wenn ich zubeiße bin ich tot.“
Der Weißkittel wurde aschgrau im Gesicht und drückte den Klingelknopf. Die Spritze fiel ihm aus den zitternden Händen. Traumperlentaucher fing sie geschickt auf und sagte: „Beruhigen sie sich, es war doch bloß ein Witz.“ Dann drückte er dem Weißkittel die Nadel in den Unterarm.
Es dauerte fast eine Stunde, bis ich die Pickelgesichte so weit hatte, dass sie meine Version von einem Unfall glaubte. „Er wollte doch bloß die Spritze zurückgeben. Der Mann ist doch harmlos, er könnte keiner Fliege was zuleide tun.“
Als ich endlich nach Hause fuhr, war ich fix und fertig und hätte selber eine Beruhigungsspritze gebraucht
Mit freundlichen Grüssen, Armin.
Bild: Von Traumperlentaucher, es heißt: Kurz vor Manaus