2007-11-30

Besuch in der Fabrik

Von traumperlentaucher @ 08:30 [ Träume ]


„Sehen Sie sich ruhig in meinem Betrieb um“, sagte der alte Herr. Ich ließ meinen Laptop in dem altertümlichen Büro mit den Stehpulten zurück und machte mich auf die Besichtigungstour. Es war eine kleine Fabrik mit einigen Dutzend Angestellten, ohne Ausnahme alte Männer über sechzig, so wie der Patron. Sie trugen blauweiss gestreifte Arbeitskleidung und machten einen sehr professionellen Eindruck. Wie immer begann ich meinen Rundgang im Lager. Dort liegt die „Wahrheit“ in den Gestellen und man sieht sofort in welcher Verfassung sich der Betrieb befindet.
Erstaunlicherweise sah ich nichts als eine Armada von großen Korbflaschen herumstehen. Auch die kleine Schreinerei hinterließ in mir einen seltsamen Eindruck. Dort stand mittendrin eine Maschine, die ich noch nie gesehen hatte. Eine Kreuzung aus Riesendrehbank und Laserkanone. Sie war nicht in Betrieb und die Männer die mit groben Holzbalken hantierten, schienen sie zu meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Dann bemerkte ich noch einen Stall, doch dort war es so dunkel, dass ich nichts sehen konnte, und eine Art Kantine, die aussah wie die Gaststube einer Alpwirtschaft.
Als ich zum Besitzer zurückkehrte schaute er mich mürrisch an. „Nun, was meinen Sie, wieviel kriege ich dafür?“
Ich startete Excel auf dem Laptop und vertiefte mich zum Schein in irgendwelche Tabellen.
„Ehrlich gesagt...nichts.“
„Dann mache ich einfach das Licht aus. Ich bin sowieso schon zu alt.“
„Und Ihre Leute?“, wollte ich wissen.
Er zuckte mit den Schultern. „Wissen Sie, als Chef sollte man immer eine gewisse emotionale Distanz zu seinen Mitarbeitern haben.“
Dann runzelte er die Stirn und bohrte nach: „Wieso erhalte ich für die Fabrik nichts mehr, wir haben doch seit Jahren gute Produkte produziert und verkauft.“
„Sie haben vergessen, ihr Know-how zu erhalten, beziehungsweise neue junge Mitarbeiter nachzuziehen. Die komische Maschine in der Schreinerei ist eine Fehlinvestition und die Korbflaschen im Lager sind leer.“

Bild: Niemandhier

2007-11-28

Spiegelbild

Von traumperlentaucher @ 07:33 [ Begegnungen ]


Wann hast Du zum letzten Mal in den Spiegel geschaut? Blöde Frage, denkst du sicher, natürlich heute Morgen. Beim Schminken oder rasieren oder bei beidem.
Doch das meine ich nicht. Wann hast Du wirklich in den Spiegel geschaut, in deine Augen geblickt, dein Gegenüber genau betrachtet und dich gefragt, wem dieses Gesicht gehört, das dich so sonderbar anschaut?
Ich habe es gestern Abend getan. Nach vielen Jahren wieder. Ich kannte mich ja, wozu sollte ich denn in diese Spiegelaugen blicken? In das ewig gleiche, langweilige Gesicht?
Auch was ich gestern sah, war vertraut und wohlbekannt...und doch so fremd. Im ersten Augenblick waren wir zwar noch Eins, ich und der Andere. Wenn er blinzelte, blinzelte ich auch, wenn ich lächelte, lächelte er zurück. Doch je länger wir uns reglos in die Augen blickten, desto mehr entfernten wir uns voneinander. „Wer bist du?“, fragte ich in Gedanken mein Gegenüber und als Antwort erhielt ich das Echo: „Wer bist Du?“ Ein Zauber lag plötzlich in der Luft. Als ich blinzelte, blinzelte mein Spiegelbild nicht mehr. Es schaute mich kritisch an, musterte mich wie einen Fremden. Das Spiegelbild war kein Spiegelbild mehr, vielmehr der Blick in ein paralleles Universum. Die Luft um uns begann zu flimmern, der Spiegel löste sich auf und der Fremde im Spiegel lächelte. „Auf Wiedersehen“, hörte ich noch in Gedanken, dann verschwand die Magie des Augenblicks auf einen Schlag.

Wann hast Du dich zum letzten Mal im Spiegel gesehen, wirklich gesehen? Euer Traumperlentaucher

Bild: Aus Mikes Garten

2007-11-27

Alptraumhotel

Von traumperlentaucher @ 07:09 [ Träume ]


Ich irrte in Unterhosen in dem Gebäude umher, das aussah wie eine Zivilschutzanlage nach dem Krieg und suchte mein Zimmer. Zwölf Franken sollte es kosten, dafür war es ein Einzelzimmer, sogar mit separater Toilette. Ich schätzte mich glücklich, denn die Zimmer, die ich bisher gesehen hatte, glichen eher Flüchtlingslagern: Kreuz und quer standen alte Betten in tristen Räumen in denen Menschen unter grasgrünen Wolldecken schnarchten. Einige davon kannte ich. In der „Hotellobby“ waren Leinen kreuz und quer gespannt, an denen bunte Wäschestücke hingen. Zwei ältere Männer hockten an einem niederen Tisch und tranken dunklen Rotwein. Auf einem zerschlissenen Sofa räkelte sich eine braunweisse Katze.
Vielleicht, so überlegte ich, war mein Zimmer ganz oben, dort hatte ich bisher noch nicht gesucht. Ich kletterte die eisernen Treppe im Innenhof empor, drückte eine ebenfalls metallene Tür auf und...stand plötzlich auf der Strasse. Die ganze Stadt schien zu Fuss unterwegs zu sein, es herrschte ein fürchterliches Gedränge. Und genau da entdeckte ich eine kleine Tür, neben der, durch die ich gekommen war. Aha, mindestens schien ich die Toilette entdeckt zu haben. Ein winziger Raum, gerade gross genug für einen braunen mit Messingknöpfen beschlagenen Ledersessel – natürlich mit einem Loch in der Mitte. Ein Fenster, ähnlich wie der Sehschlitz eines Panzerspähwagens bot beste Aussicht auf die belebte Strasse.
„Ihr Zimmer ist ein paar Meter weiter“, hörte ich da hinter meinem Rücken. Es war die Besitzerin des Etablissements, eine kleine rundliche Frau unbestimmbaren Alters. Ich marschierte also mit ihr die Strasse hinunter, gute zweihundert Meter durch das Gedränge, bis wir zu einem winzigen Verkaufsstand gelangten, der mitten auf einem grossen Platz stand.
„Das ist ihr Zimmer.“ Sie öffnete die Tür zu dem kleinen Häuschen. Der Stand war noch offen und draussen hingen noch einige Jeans unter dem kurzen Vordach. Schneeflocken wirbelten herein.
„Wo ist denn das Bett?“, wollte ich wissen.
„Das ist irgendwo da unten. Sie müssen es nur herausziehen.“
Aber ich fand kein Bett, das löchrige Strassenhäuschen hatte auch keinen eigenen Boden, ich stand direkt auf dem nassen Asphalt, und die Rückseite bestand aus einer löchrigen Schilfwand. Die Frau hatte sich verdrückt und von gegenüber rief ein Wirt über den Platz: „Heisse Nudeln, nur zwei Franken.“
Ich hatte Hunger aber keine zwei Franken mehr, mein ganzes Geld war für das Hotelzimmer draufgegangen.

Ich wünsche euch einen wunderschönen Hotelaufenthalt, solltet ihr nächstens verreisen, und natürlich angenehmere Träume. Euer Traumperlentaucher

Bild: Gedankenecho

2007-11-25

Weltenhüpfer

Von traumperlentaucher @ 20:22 [ Begegnungen ]


Es ist schon einige Zeit her, da traf ich auf einem Spaziergang einen sonderbaren Mann. Es war mitten im Wald an einem wunderbaren Nachmittag, der Wind rauschte in den Baumwipfeln und die Sonne verzauberte mit ihren Strahlen diesen Ort zu einem Märchenwald.
Normalerweise gelingt es mir einigermaßen das Alter einer Person zu schätzen, jedoch nicht bei diesem Mann. Er hatte einfach kein Alter. Wie ein Kind hüpfte er über Figuren, die er offenbar mit einem Stock auf den Waldweg gezeichnet hatte und doch erschien er mir unendlich alt und irgendwie weise. Seine Haare und sein Bart waren weiß, doch sein jugendliches Gesicht faltenlos. Seine Augen waren kohlenrabenschwarz, es gab kein Weiß zu sehen und auch keine Pupillen.
Verblüfft blieb ich stehen und schaute ihm bei seiner bizarren Tätigkeit zu. Er schien mich aber gar nicht zu bemerken und hüpfte weiter über seine unergründlichen Symbole. Nach einer Weile meinte ich ein Muster darin zu erkennen und ich vermeinte auch ein Murmeln aus seinem Mund zu vernehmen. Doch da begann sich der Wald um mich zu drehen. Die Bäume neigten sich zu uns herunter, die Holunderbüsche tanzten und der Wind hielt seinen Atem an. Auf einmal blieb der Mann mit dem unbestimmbaren Alter vor mir stehen und schaute mich mit seinen Augen an. Ich glaubte in unendliche Tiefen zu blicken und fühlte mich davon unwiderstehlich angezogen. Der Wald verschwand. Nur die Symbole blieben auf dem Boden zurück.
„Was wollen Sie?“, fragte er mich.
Ich wusste nicht recht, was ich darauf antworten sollte und er fragte mich nochmals eindringlich: „Was wollen Sie?“
„Ich möchte gerne wissen, was Sie tun.“
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Was wollen Sie wirklich?“
Doch als ich die Antwort endlich wusste, war er verschwunden. Ein Windstoß wirbelte einige Blätter davon und auf dem Boden glaubte ich, ein einzelnes undeutliches Symbol ausmachen zu können. Es ist mir bis heute nicht aus dem Kopf gegangen.
Ich denke, ich bin damals einem Weltenhüpfer begegnet.

Ich wünsche euch einen guten Start in die neue Woche. Sie wird einige Überraschungen bereithalten. Euer Traumperlentaucher

Bild: von Mike

2007-11-24

Tausend und kein Gesicht

Von traumperlentaucher @ 13:35 [ Träume ]


„Wieso hast du eigentlich kein Gesicht?“, wollte ich vom Gesichtslosen wissen. Ich hatte bisher gezögert, diese Frage zu stellen, doch jetzt wischte ich meine Bedenken zur Seite. Mag sein, dass mich die seltsame Landschaft beeinflusste, mit ihrem goldigen Meer und mit den falschen Wolken darüber. Meines Erachtens hingen sie verkehrt am Himmel.
„Das liegt an dir“, erklärte mir mein Traumbegleiter unumwunden. „Du hast mir bisher kein Gesicht gegeben.“
„Könnte ich denn das?“
„Natürlich, du könntest mich mit jedem beliebigen Gesicht versehen.“
„Das wäre aber nichts als eine Maske und keinesfalls dein richtiges Gesicht.“
„Das stimmt, aber es ist normal. Im Traum hat kaum jemand sein richtiges Gesicht.“
„Könntest du mir denn nicht dein richtiges Gesicht zeigen, nur für einen einzigen Augenblick?“
„Ich habe tausend und kein Gesicht, welches möchtest du denn sehen?“
„Alle, ich möchte alle sehen.“
„Genauso siehst du mich, mit all meinen Gesichtern.“
„Sie heben sich auf? Sie verschmelzen zu einem einzigen Ungesicht.“
Der Gesichtslose antwortete nicht mehr. Er schritt hinaus auf das goldene Wasser ohne unterzugehen. In diesem Augenblick begriff ich, dass ich ihm die falsche Frage gestellt hatte und ich sah über ihm tausend Wolkengesichter.

Ein schönes Wochenende, Euer Traumperlentaucher

2007-11-23

Hinter den Träumen

Von traumperlentaucher @ 09:36 [ Träume ]


„Einige Menschen existieren nur in deiner Erinnerung, es gab sie niemals wirklich.“
„Das sagst ausgerechnet du?“, bemerkte ich zu meinem gesichtslosen Begleiter. „Auch du existierst nur in meinen Träumen und nicht in der Wirklichkeit!“
„Das habe ich auch nie behauptet“, grummelte der Gesichtslose, "obschon das mit der Wirklichkeit so seine Tücken hat. Aber in deiner Erinnerung gibt es Menschen, von denen du glaubst, sie hätten dort existiert, wo du glaubtest gewesen zu sein.“
„Ja, ja, ich weiß, du meinst das Bonbon-Mädchen und all die anderen im Sanatorium. Das ist aber bereits kalter Kaffee.“
„Nein, die meine ich nicht, obwohl das mit dem Kaffee keineswegs stimmt. Ich spreche von früher, von viel früher.“
Ich zuckte die Schultern. „Kann schon sein, doch spielt das keine Rolle. Vielleicht haben sie ja in meinen Träumen existiert, und in meiner Erinnerung unterscheiden die sich in keiner Weise von der sogenannten Wirklichkeit.“
„Weißt du, wo dein Problem liegt?“, fragte mich da der Gesichtslose unvermittelt. Ich schaute ihn erstaunt an, so hatte er noch nie mir gesprochen. Aber natürlich gab es nichts in seinem Gesicht zu lesen, es erschien wie üblich als heller verwaschener Fleck.
„Du denkst bipolar“, erklärte er mir. „Für dich gibt es bloß Wirklichkeit und Traum, wie zum Beispiel dieser hier.“ Er zeigte mit der Hand auf die seltsame Hügellandschaft vor uns, über der ein goldroter Himmel wabberte.
„Es gibt viele Träume“, erwiderte ich und kam mir dabei einfältig vor.
Er hustete sich die Lunge aus dem Leib und wenn ich nicht gewusst hätte, dass dies seine Art war zu lachen, hätte ich mir die grössten Sorgen gemacht. Als er sich wieder erholt hatte, sagte er:
„Nicht nur unendlich viele Träume, auch unendlich viele Ebenen des Daseins.“
Und nachdem ihn wieder ein Hustenanfall geschüttelt hatte, fuhr er fort: „Schau doch mal, was sich hinter deinen Träumen verbirgt.“

Und was liegt hinter euren Träumen verborgen? Euer Traumperlentaucher

2007-11-21

Doktor Smarties

Von traumperlentaucher @ 07:24 [ Begegnungen ]


Armin hat natürlich maßlos übertrieben. Das „Hotel“ war eigentlich ganz passabel. Nirgendwo sonst habe ich jemals solch interessante Gäste getroffen. Jeder hatte seine Spezialität und einige waren geradezu genial. Ein älterer Herr konnte sich zum Beispiel unsichtbar machen, wenn er sein Käppi aufsetzte und sogar durch Wände gehen, und eine Dame mittleren Alters hatte ihren Mäusezirkus dabei, den sie mit ihren Pillen ernährte. Doch am interessantesten war ein junger Mann – er hieß Flix – den ich kennenlernen durfte. Er konnte Türen aufmachen, die gar nicht existierten. Dahinter traf man auf die absonderlichsten Welten. Meistens konnte ihn das Personal nicht finden, weil er sich darin versteckte.
Das Problem des Hotels waren wie erwähnt die vielen Pillen. Man musste sich immer wieder neue Tricks einfallen lassen um ihnen zu entgehen, denn sie schadeten den Träumen und machten den Geist träge.
Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich in der Südsee erlebt habe.
Eines Tages, wie der Blitz aus heiterem Himmel, war ich so krank, dass ich trotz vierzig Grad im Schatten zitterte wie Espenlaub. Zwei Einheimische haben mich dann bei stockdunkler Nacht mit ihrer Barke quer durchs Atoll zu einem Urwalddoktor gebracht – notabene mit einer Taschenlampe als einziges Navigationshilfsmittel. Doktor Smarties, wie sie ihn nannten, hat mich untersucht und dann eine Schere genommen. Damit hat er von diesem und jenem Streifen Pillen eine Reihe abgeschnitten und mir dabei erklärt für was das gut sei. Verstanden habe ich nichts, aber ich trat die Rückfahrt mit einem Beutel Pillen an, die aussahen wie viele bunte Smarties. Natürlich habe ich keine davon angerührt und wie ein Wunder war ich am nächsten Tag wieder gesund.

Denkt immer daran, wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht. Euer Traumperlentaucher

Bild: Traumtraum hinter Flix unsichtbarer Tür.

2007-11-20

Die Heimkehr

Von traumperlentaucher @ 06:40 [ Begegnungen ]


Gestern Abend haben wir unseren Traumperlentaucher abgeholt. Sein Arzt meinte, dass er im falschen „Hotel“ sei und er zuhause besser aufgehoben wäre. Die Behandlung könne genausogut ambulant stattfinden. Natürlich haben wir etwas Druck gemacht um dieses Resultat zu erreichen.
Er machte übrigens einen ganz vernünftigen Eindruck, sagte nicht viel und nickte zu allem mit verständnisvoller Mine. Ich war erleichtert.
Als wir uns von der Pickelgesichtigen verabschiedeten, kam es allerdings doch noch zum Eklat. Traumperlentaucher reichte ihr freundlich die Hand und sagte dann: „Schauen Sie jeden Abend vor dem Schlafengehen unter das Bett! Als ich mich von Klaus Kinski verabschiedete, hatte er eine große Spritze in den Händen, wie sie Veterinäre für besonders große Kühe brauchen. Und er hat mir zugeflüstert, dass er Ihnen eines Nachts die Kanüle durch die Matratze hindurch in ihren Pickelarsch jagen wird.“
Der Frau wurde daraufhin schlecht und wir verdrückten uns, so rasch wir konnten.
Auf der Heimfahrt fragte ich ihn dann, ob er wirklich glaube, was er gesagt habe. Er kicherte und sagte: „Natürlich nicht, Klaus hat doch bloß einen Scherz gemacht.“
„Ich bin froh, dass du ihn zurückgelassen hast“, entgegnete ich diplomatisch.
„Ich werde ihn und das Bonbon-Mädchen eines Tages besuchen.“
„Ohne mich, da wirst du alleine gehen müssen.“
„Schade, die Reise würde dir sicher gefallen, die beiden sind nämlich unterwegs nach Manaus.“
„Und der Gesichtslose?“, fragte ich dummerweise.
Traumperlentaucher grinste und sagte: „Schau doch mal in den Rückspiegel!“

Das ist hoffentlich mein letzter Beitrag hier im Blog. Ich hoffe, dass unser Traumperlentaucher in den nächsten Tagen wieder übernehmen wird.
Mit freundlichen Grüssen, Armin.

Bild: Der gläserne Wald, von Traumperlentaucher

2007-11-18

Bonbonaktion

Von traumperlentaucher @ 16:09 [ Begegnungen ]


Der Traumperlentaucher sass reglos am Fenster und schaute in den Park hinter dem Sanatorium, als mir ein Weißkittel die Tür aufschloss. Mein Freund wirkte abwesend, fast gläsern. Lange sah er mich nur an ohne eine Begrüßung, ohne eine Regung, dann sagte er: „Jetzt weiß ich, wie es ist, wenn man einen Vogel in einen Käfig sperrt.“
Ich klingelte nach dem Weißkittel und fragte, ob wir nicht zusammen einen Spaziergang im Park unternehmen könnten und wieso Traumperlentaucher eingesperrt wäre.
„Früher hätten wir solche Fälle mit Elektroschocks kuriert“, erhielt ich zur Antwort. Worauf ich entgegnete, dass ich früher solche Antworten mit einer rechten Geraden korrigiert hätte.
Nach längerem Hin- und Her und Rücksprache mit der Direktion liess man uns schliesslich ziehen. „Passen Sie auf, der Mann ist renitent und allgemein gefährlich“, gab mir die Pickelgesichtige mit auf den Weg.
Als wir auf der Bank beim Ententeich sassen, fragte ich Traumperlentaucher, was er denn angestellt habe. Er schaute wie abwesend zu den gründelnden Enten und sagte wie beiläufig:
„Nichts besonderes, ich habe bloß Bonbons an die anderen Gäste verteilt.“
„Wo hast du denn die Bonbons her.“
„Du erinnerst dich sicher noch an das kleine Mädchen, von dem ich dir erzählt habe. Ich habe es wieder getroffen. Es verstreute Bonbons auf dem Korridor vor meinem Zimmer und sang dazu wie üblich: „Eins ist Eins und Zwei ist Drei, Fünf ist Acht und dann kommt die böse Dreizehn.“
„Was hat es mit der bösen Dreizehn auf sich?“, wollte ich von ihr wissen, doch es gab mir ohne ein Wort zu sagen eines der Bonbons und hüpfte weiter. Ich riss das Papier auf und da stand: „Unglücklich ist, wer die Dreizehn isst.“ Ich habe lange über diesen Spruch nachgedacht, kam aber zu keinem Schluss. Erst Klaus Kinski, der zufällig in seinen Pantoffeln vorbeischlurfte, brachte mich auf den entscheidenden Gedanken: „Schau doch mal bei der Dreizehn vorbei!“
Da wusste ich, dass das Mädchen mit der bösen Dreizehn ein bestimmtes Zimmer meinen musste. Doch welches? Die Türen haben hier keine Nummern.“
„Und? Was hast du getan?“ wollte ich von Traumperlentaucher wissen.
„Ganz einfach, ich habe die Türen gezählt, wie es das kleine Mädchen vorgemacht hat: Eins ist Eins und Zwei ist Drei, Fünf ist Acht und dann kommt die böse Dreizehn.“
„So hast du die Dreizehn gefunden?“
„Ja, ich denke schon. Die Dreizehn ist nämlich das Bonbonlager. Als ich die Tür vorsichtig öffnete, erblickte ich Schränke und Gestelle voller Bonbons. Eine weißgekleidete ältere Frau füllte gerade Bonbons in Papiertüten. Sie erschrak bei meinem Anblick so sehr, dass sie alle auf dem Boden verstreute – fast wie das kleine Mädchen.“
„Du hast also die Hausapotheke gefunden?“
„Wie du willst. Auf jeden Fall half ich der armen Frau beim Zusammenlesen der Bonbons.“
„Du weißt genau, dass das keine Bonbons sind, sondern Medikamente“, entgegnete ich gereizt. „Und dann, was ist dann geschehen?“
Traumperlentaucher starrte immer noch wie unbeteiligt auf die Enten im Teich, dann sagte er fröhlich: „Die Hälfte der Bonbons – oder Medikamente, wie du sagst – habe ich natürlich in die eigene Tasche gesteckt. Ein gewisser Notvorrat kann ja nicht schaden. Später habe ich sie dann in schönes Papier gewickelt, in das von der Weinflasche, die du mir gebracht hast. Sie sahen nun genauso aus, wie die Bonbons, die das Mädchen verstreut.“
Ich ahnte Schlimmes. „Und dann hast du sie verteilt?“
„Ja, die anderen Gäste waren sehr erfreut und haben mit Vergnügen von allen gekostet.“
„Du bist total übergeschnappt, so kriegen wir dich hier nie raus“, regte ich mich auf.
„Kein Problem, wir nehmen das sowieso selbst in die Hand.“ Dann senkte er die Stimme und flüsterte: „Wir haben nämlich eine Kommandoaktion geplant.“
„Was? Wer? Wie?“
„Klaus, das Bonbon-Mädchen und ich. Leider will der Gesichtslose nicht mitmachen.“
„Da hat er Recht. Hör mal. Du musst jetzt total vernünftig sein, dann bekommen wir dich hier auch wieder raus. Keine Kommandoaktionen, keine Bonbonaktionen, hast du verstanden? Und keine Gespräche mehr mit Kinski und dem Mädchen – auf jeden Fall nicht tagsüber.“
„Ja, ja, ich weiß, du magst die beiden nicht, genauso wie der Gesichtslose.“
„Verdammt noch mal, so hör doch wenigstens auf deinen Gesichtslosen“, sagte ich wütend.
Traumperlentaucher schaute mich plötzlich durchdringend an: „Weißt du, ich bin ja nicht blöd, ich sehe doch genau, was hier abgeht. Ich treffe Leute, die ihr nicht treffen könnt oder wollt. Sie existieren nur in meinen Träumen. Doch meine Träume sind nun Wirklichkeit geworden, Armin. Es gibt nicht nur eure Ebene, die ihr als so real betrachtet, das Leben ist viel komplizierter. Aber ich will hier raus, denn diese Menschen hier behandeln mich schlecht und verstehen mich nicht. Ich werde mir also Mühe geben.“
Ich war erleichtert. „Komm, gehen wir zurück in dein Zimmer.“
Der Weißkittel, der uns bisher immer beobachtet hatte, schlich hinter uns her und öffnete die Tür. Im Zimmer angekommen nahm er eine kleine Spritze aus seiner Tasche. „Nur zur Beruhigung“, bemerkte er mit falscher Stimme.
„Tun Sie das nicht“, funkelte Traumperlentaucher. „In meinem linken Backenzahn ist eine Zyankalikapsel, wenn ich zubeiße bin ich tot.“
Der Weißkittel wurde aschgrau im Gesicht und drückte den Klingelknopf. Die Spritze fiel ihm aus den zitternden Händen. Traumperlentaucher fing sie geschickt auf und sagte: „Beruhigen sie sich, es war doch bloß ein Witz.“ Dann drückte er dem Weißkittel die Nadel in den Unterarm.

Es dauerte fast eine Stunde, bis ich die Pickelgesichte so weit hatte, dass sie meine Version von einem Unfall glaubte. „Er wollte doch bloß die Spritze zurückgeben. Der Mann ist doch harmlos, er könnte keiner Fliege was zuleide tun.“

Als ich endlich nach Hause fuhr, war ich fix und fertig und hätte selber eine Beruhigungsspritze gebraucht

Mit freundlichen Grüssen, Armin.

Bild: Von Traumperlentaucher, es heißt: Kurz vor Manaus

2007-11-17

Dramatische Entwicklung!

Von traumperlentaucher @ 16:03 [ Begegnungen ]


Um es gerade vorweg zu nehmen: Ich bin nicht Traumperlentaucher. Leider haben sie ihm im Sanatorium den Internetzugang gesperrt. Ich denke, er hat es einfach übertrieben. Er ist darauf so wütend geworden, dass sie ihn in eine dieser komischen Jacken stecken mussten wo man die Arme nicht mehr bewegen kann. Es war schrecklich! Sie haben ihn zu dritt festgehalten, während die Pickelgesichtige ihm eine Spritze gab. Danach war er ganz ruhig und hat mich beauftragt, in den nächsten Tagen sein Blog weiterzuführen. Ich werde ihn häufig besuchen, obschon der Weg weit ist und werde über sein weiteres Schicksal berichten und auch seine mündlichen Berichte hier so gut es geht wiedergeben.
Es tut mir leid, dass alles so gekommen ist und wir, seine Frau und seine Freunde, unternehmen alles, damit unser geliebter Traumperlentaucher wieder aus seinem Traumschlamassel herauskommt und nach Hause entlassen wird.

Mit freundlichen Grüssen und Danke für die guten Ratschläge, Armin

PS: Das war das Bild, das ich bei meinem Besuch von ihm gemacht habe.

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