2007-05-31

Die Nichtangekommene

Von traumperlentaucher @ 09:06 [ Träume ]


„Sie sind hier und doch nicht da.“
Ich drehte mich zum Gesichtslosen, der neben mir auf der Bank sass. Meinte er etwa die Menschen, die mit uns in dem düsteren Wartesaal sassen?
Mein Traumbegleiter hatte sein Gesicht wieder verloren, nachdem ich beim letzten Mal mein eigenes in ihm zu erkennen geglaubt hatte.
„Wo sind wir hier überhaupt?“, fragte ich ihn leise, denn ich wollte die andächtige Stille nicht stören, die in diesem lang gezogenen Raum herrschte.
Doch der Gesichtslose ging nicht auf meine Frage ein. Stattdessen antwortete er:
„Sie sind Grenzgänger, mal hier mal drüben.“
„Dann ist das hier eine Grenzstation“, versuchte ich es noch einmal.
„Grenze um Grenze überschritten, bis sie sich im Labyrinth der eigenen Gedanken verlaufen haben“, murmelte er.
Ich war es gewohnt, vom Gesichtslosen rätselhafte Antworten zu bekommen. Doch diesmal war es besonders schlimm. Er grummelte:
„Sie haben sich durch das Leben geträumt bis zum letzten Tor. Blumengeschmückt und verlassen standen sie davor, die Sehnsucht der Gespenster im fliehenden Herzen.“
Ich beschloss keine weiteren Fragen zu stellen und schaute mich in dem langen Saal gründlicher um. Es war mehr eine Art Korridor, mit Bänken auf beiden Seiten. Es gab zwar Fenster, aber draussen war es dunkel. Doch auch drinnen war die Beleuchtung schummrig. Die Enden des Korridors waren nicht zu erkennen, nicht wegen dem fehlenden Licht, es war als würden sie nicht existieren. Das ist oft so. Viele Details in meinen Träumen existiert nicht oder nur halb. Es ist vielfach so, als hätte jemand Kulissen aufgestellt und sich dabei nur auf das Wesentliche konzentriert.
Vis-à-vis sass eine ältere Frau mit langem schwarzem Haar mit einigen grauen Strähnen darin. Sie schien geradewegs durch mich hindurch zu sehen. Ich betrachtete sie genauer. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Rosenkranz, in ihrer linken einen kleinen Zweig. Einen Zweig! Ich war wie elektrisiert. Schon wieder dieser Zweig mit den kleinen roten, fast runden Blättern mit dem metallenen Schimmer!
Da sagte der Gesichtslose neben mir: „Sie wird ihn vergessen.“
„Wieso denn? Sie hält ihn doch in Händen.“
„Sie wird ihn vergessen“, beharrte er. „Denn sie ist nie angekommen. Sie hat die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren mit dem Preis der Einsamkeit bezahlt.“

Ich bin sicher, dass der Traum noch weiter ging, doch seltsamerweise kann ich mich nicht mehr an die Fortsetzung erinnern. Eine Art Bruch – ein Filmriss.

Grüsse aus dem Wartesaal der Träume, Euer Traumperlentaucher

Bild: Rückkehr, von Mike

2007-05-30

Das Gesicht des Gesichtslosen

Von traumperlentaucher @ 06:38 [ Träume ]


Kein Fluss, keine Burg, nichts als Sterne. Überall, rundum, als schwebten wir mitten im Weltall. Und doch schien es um uns herum eine Atmosphäre zu geben. Ich spürte den Hauch eines Windes auf meinem Gesicht.
„Wo sind wir?“, fragte ich den Gesichtslosen an meiner Seite.
„Die Namen der Sterne würden dir nichts bedeuten.“
„Wie bin ich hierher gekommen?“, lautete meine nächste Frage.
„Du hast den richtigen Traumpfad gewählt.“
Der Gesichtslose schaute mich an und mir stockte der Atem. Da war kein verwaschener Fleck mehr, kein undefinierbares Etwas. Ich blickte in ein Gesicht, sah jedes Detail, jede einzelne Falte, jedes einzelne Härchen. Dieses Gesicht…Er lächelte. Ich lächelte. Wir lächelten. Es war mein Gesicht, der ehemals Gesichtslose hatte mein Gesicht.
„Gut, das du gekommen bist“, sagte er.

Viele Traumgrüsse, Euer Traumsternentaucher

Bild: Blick von Titan auf den Saturn

2007-05-29

Der verlorene Zweig

Von traumperlentaucher @ 08:15 [ Träume ]


„Es ist nicht die Zeit, in der du in dir selber ruhst, die dich alt werden lässt – wirklich alt, verstehst du?“
Nein, ich verstand gar nichts. Doch gerade deshalb hatte ich unbedingt wieder hierher kommen wollen – um zu verstehen. Hier, in der alten Burgruine, hoch über dem Fluss, hier wo die Wolken zum Greifen nahe sind und die Augen sich in der Ferne verlieren. Ich hatte es geschafft und sogar der Gesichtslose war wieder da. Ein Fortsetzungstraum wie aus dem Lehrbuch.
„Es ist die Zeit, die du sinnlos vergeudest, die du unwiderruflich vertust. Sie lässt dich wirklich älter werden. Sie frisst sich in deine Seele wie Säure und stumpft sie ab.“
„Dann brauche ich also bloß nichts zu tun und ich bleibe ewig jung?“
Der Namenlose hustete als hätte er ein Stück vom gelben Stein verschluckt, den er in der Hand hielt.
“Nein, im Gegenteil! Ich meine diese Zeit, die du fern von dir verbringst, diese Zeit, in der du deine wirkliche Aufgabe vergessen hast, die Zeit, die du mit Warten verbracht hast, die Zeit die du mit sinnlosen Tätigkeiten vergeudet hast, die Zeit, die du beschleunigt hast, in dem du durch dein Leben gerannt bist. Sie hat dich wirklich alt gemacht.“
„Aber…ich habe doch gelebt, vieles getan und unternommen, vieles erfahren und gesehen.“
Der Gesichtslose bohrte mit seinem Zeigefinger ein zweites Loch in den gelben Stein, in Augenabstand zum ersten. Die schwarzen Punkt im Stein drängten sich an den Rand.
„Und die Zeit, die du gewartet hast, dort oben auf der Bank unter dem alten Baum. Hast du die vergessen?“
„Das waren doch höchstens ein paar Stunden!“
„Nein, das waren Jahre. Denn es war ein Baum, der nicht von dieser Welt stammt. Hast du nicht gemerkt, dass er seine Wurzeln im Fluss der Zeit hatte und seine Blätter in einem Wind raschelten, der aus den Räumen zwischen den Welten stammt?“
„Nein, mein Baum war ganz und gar normal.“
„Ha, das glaubtest du! Du hast bloß seinen Stamm gespürt und sein beruhigendes Flüstern vernommen.“

Dieser Traum war eine Niete. Ich verstand noch weniger als bei meinem letzten.
Der Gesichtslose reichte mir wiederum den gelben Stein, der nun zwei Löcher hatte und ich benutzte ihn wie einen Feldstecher. Doch auch dieses Mal sah ich nicht den Fluss unter uns, sondern ich erblickte einen Zweig, der in einem Wald am Boden lag. Eigentlich nichts Besonderes – wenn es nicht ein ganz spezieller Zweig gewesen wäre.
„Hast du ihn vergessen?“, fragte mich der Gesichtslose, der offenbar genau wusste, was ich durch den Stein hindurch sah.
„Ich weiß nicht von was du sprichst. Es ist bloß ein Zweig. Allerdings gehört er nicht in diesen Wald. Jemand muss ihn verloren haben.“
„Komme morgen wieder. Wir müssen darüber sprechen. Es ist höchste Zeit.“
Als der Gesichtslose verschwand, löste sich auch der Stein in meiner Hand auf. Hinter der Burg kam ein Traumfänger zum Vorschein – mein Traumfänger:

Namaste, Euer Traumperlentaucher

Bild: Abend, von Mike

2007-05-28

Das Ich in der Flamme

Von traumperlentaucher @ 15:00 [ Träume ]


„Du bist nicht du!“, blaffte der Gesichtslose. Er stand neben mir auf der alten Burgruine, von der wir eine wunderbare Aussicht auf den großen Fluss genossen.
Es war ein schöner heller Tag und der Horizont leuchtete in einem intensiven Gelb.
„Wie meinst du das?“, fragte ich meinen Traumbekannten. Er schien heute besonders schlecht gelaunt zu sein.
„Du kannst nicht einem Auftrag nachgehen und gleichzeitig dich selber sein.“
„Wer bin ich dann?“, provozierte ich ihn.
Der Gesichtslose grummelte vor sich hin und grübelte einen gelben Stein aus dem alten Mauerwerk. Er war teilweise durchsichtig und in seinem Innern bewegten sich kleine schwarze Punkte.
„Außerdem gehe ich zurzeit keinem bestimmten Auftrag nach, auch nicht meinem eigenen, denn ich träume.
Der Namenlose hustete und es klang diesmal wie ein Kichern.
„Bei sich zu sein, ist eine Kunst. Normalerweise beherrschen sie nur kleine Kinder, Verrückte und einige Sterbende.“
Er bohrte mit dem Zeigefinger ein Loch in den Stein und hob ihn vor seinen Kopf. Wahrscheinlich blickte er hindurch, doch da ich sein Gesicht nur als verwaschenen Fleck wahrnehmen konnte, war das ungewiss.
„Du irrst dich“, forderte ich den Gesichtslosen heraus. „Auch Träumer beherrschen diese Kunst. Im Traum ruhen sie in sich selber, sie ruhen im eigenen Ich!“
Der Gesichtslose hustete wie ein Stumpendreher, dann drückte er mir den gelben Stein in die Hand. Interessiert blickte ich durch das Loch, das er gebohrt hatte.
Anstatt des Flusses am Fuß der Ruine, sah ich mich selber. Ich lag im Bett und schlief, der flackernde Schein einer Kerze erhellte mein Gesicht. Ob ich vergessen hatte, sie auszumachen, als ich am Abend vor dem Einschlafen in der Flamme mein eigenes Ich zu erkennen versuchte?

Namaste, Euer Traumperlentaucher

2007-05-27

Hörgeräte

Von traumperlentaucher @ 07:00 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Dass ich die Bienen nicht summen höre, liegt nicht etwa an meinem Gehör, wie einige vielleicht vermuten mögen! Das funktioniert noch recht ordentlich. Ich höre zum Beispiel problemlos gewisse Autos mit „Musik“ bereits aus dreihundert Metern Distanz. Das laute Bumm-Bumm der näher kommenden Fahrzeuge ist auch bei geschlossenem Fenster nicht zu überhören. Auch nicht das tiefere Bamm-Bamm, wenn sie sich von mir entfernen – Dopplereffekt.
Die Insassen dieser Fahrzeuge werden mit Vierzig das Gehör eines Hundertjährigen haben – oder schlimmer. Unwiderruflich, irreparabel! Wir sind uns gewohnt, dass Wunden verheilen und Knochen wieder zusammenwachsen, doch bei den feinen Haarzellen auf unseren Hörnerven ist das etwas anderes: liegen sie wegen zu starker und zu langer Lärmeinwirkung einmal danieder, wie ein Wald nach einem Sturm, bleibt das so. Da helfen keine Medizin und keine Operation. Gut, bei schweren Fällen gibt’s einfach einen Stecker hinters Ohr und ein Implantat. Doch was man damit noch hören kann ist rudimentär. Für die Mehrzahl gibt es jedoch diese schönen winzigen Hörgeräte, die man ins Ohr stecken kann – zum Beispiel von Phonak. In schweinchenrosa oder anderen lustigen Farben.
Sie sind fast so praktisch wie die kleinen Ohrhörer der MP3-Player. Auch deren Benutzer werden übrigens so gegen die Fünfzig, Sechzig auf Hörgeräte umsteigen müssen. Denn bei Kopfhörern und Ohrhörern besteht die Tendenz, zu laut aufzudrehen – lauter, als es das Gehör auf die Dauer verträgt.
Na ja, was soll’s. Früher kamen die Hörverluste vom Schiessen oder extremem Arbeitslärm (ohne ausreichenden Gehörschutz), heute kommen sie von der Musik. Diese Art der Selbstverstümmelung ist vermutlich angenehmer.
Aber eigentlich braucht es gar keinen Megabass im Auto und keinen Ohrhörer – es reicht, wenn man im Orchestergraben sitzt. Die meisten Musiker haben heute einen Gehörschaden. Die Cleveren unter ihnen benutzen übrigens einen Gehörschutz.

Mit gehörigen Grüssen, Euer Traumtontaucher

2007-05-26

Magische Augen

Von traumperlentaucher @ 08:18 [ Erinnerungen ]


„Halt Stopp, sonst lass ich den Hund los“, bellte der schnauzbärtige Polizist von der anderen Straßenseite und zückte Bleistift und Notizblock. „Du weißt, dass freihändig Velofahren strengstens verboten ist! Wie heißt du und wo wohnst du?“
Schon damals hatte ich keine Mühe mit der Fantasie und so antwortete ich keck: „Fritz Zedi, Mühlemattweg 13.“
Ich glaube, der Polizist sucht mich noch heute.
Und vermutlich hat er nie erfahren, wie wunderbar es sich beim freihändigen Velofahren träumen lässt.
Ich weiß noch genau, was ich damals träumte, während meiner Austrägerdienste: Ich träumte von magischen Augen.
Als ich geboren wurde, war es gerade vier Jahre her, seit der Transistor erfunden wurde. Daher wuchs ich noch mit diesen wunderbaren magischen Augen auf.
Ihre traumhaften Bewegungen zogen mich in ihren Bann, während ich Sprache und Musik lauschte, die aus hölzernen Kisten drang, die damals Radio genannt wurden. Es war eine Traumzeit. Eine Zeit, wo wir am Straßenrand saßen und die Autos zählten, die vorbei fuhren, eine Zeit, in der wir Maikäfer in Büchsen sammelten und eine Zeit in der uns die Tante aus Amerika die ersten Kaugummis brachte. Doch zurück zu den magischen Augen: Solltet ihr noch eins davon besitzen, tragt Sorge zu ihm. Sie sind sehr selten geworden und die, die heute noch ihr Leben fristen, sind meistens blind, ihre Magie ist verblasst. Wie aller Zauber, war auch der ihre von kurzer Lebensdauer. Etwa tausend Stunden haben sie kräftig geleuchtet, dann wurde ihr Lebenslicht immer schwächer. Und wenn sie einmal verbraucht sind, lassen sie sich nicht mehr regenerieren.
Doch kürzlich habe ich von einem Trick erfahren, magischen Augen wieder neues Leben einzuhauchen. Mittels einer Greinacher-Kaskadenschaltung führt man ihnen die doppelte Spannung zu und siehe da! Noch einmal erblühen sie und leuchten wie in alten Tagen – doch wer weiß, wie lange. Ein zweiter Frühling, sozusagen. Verursacht durch Hochspannung. So ähnlich wie bei uns Menschen.

Ich werde heute mal in den Tiefen meines Kellers nach einer kleinen Schachtel suchen. Ich weiß: dort schlummern noch ein paar magische Augen und warten darauf, wieder zum Leben erweckt zu werden. Sie sind noch neu und unverbraucht, vor mehr als fünfzig Jahren in einer Fabrik geboren.
Ich möchte noch einmal in ein magisches Auge blicken und von alten Zeiten träumen. Vielleicht höre ich dann in Gedanken das Summen der Bienen, das ich heute so vermisse.

Mit etwas nostalgischen Grüssen, Euer Traumperlentaucher

PS. Für meine deutschen Freunde und Leser: Velo = Fahrrad

2007-05-25

Müllperlen

Von traumperlentaucher @ 07:36 [ Träume ]


„Das ist nichts als Müll!“ Sie deutete mit dem Zeigefinger auf den riesigen Haufen alter Gegenstände in der Grube. Ich schüttelte vehement den Kopf. Wie konnte das Müll sein? Meine Augen entdeckten eine alte Nähmaschine, ein Radio im Holzgehäuse, eine Heckenschere.
„Die meisten Dinge kann man doch reparieren!“, protestierte ich.
„Das kostet zuviel, abgesehen davon findest du kaum jemand, der diese Geräte flicken könnte. Im Laden gibt’s jeden Tag neue Dinge.“ Sie deutete mit dem Daumen ihrer linken Hand über die Schulter. Tatsächlich, wir standen vor einem grossen Supermarkt. Die Lichter brannten, die Türen standen weit offen, aber es war kein Mensch zu sehen, auch nicht an den Kassen. Ich richtete meinen Blick wieder auf den unüberschaubaren Haufen vor mir.
Ein Paar fast neue Schuhe, ein rotes Sommerkleid und ein scheinbar intakter Panamahut lagen auf einer ausgedienten Kommode, ausgebreitet wie in einer Schaufensterauslage.
„Das ist doch neu!“, entfuhr es mir.
Sie lachte und feilte dazu an ihren Fingernägeln. „Ja, aber es ist dieses Jahr nicht Mode.“
Ich entdeckte immer mehr Gegenstände in dem übersichtlichen Haufen. Plötzlich blieb mein Blick an einer Perlenkette haften, sie schillerte im Sonnenlicht. Ich nahm sie in meine Hände und liess sie durch die Finger gleiten.
„Schrott von gestern, das würde nicht einmal mehr meine Grossmutter tragen“, sagte sie abschätzig. „Ausserdem sind die nicht echt.“
Ich schaute genauer hin, prüfte die Perlen mit dem Fingernagel und untersuchte die gebohrten Löcher. „Ich verstehe etwas von Perlen und die sind garantiert echt.“
Aber da war die Frau schon verschwunden. Schade, dass ich dieses Schmuckstück nicht aus dem Traum in die Wirklichkeit mitnehmen konnte. ‚Vielleicht’, so dachte ich beim Aufwachen, ‚werde ich im nächsten Leben Müllperlentaucher. Es muss ein besonderes Vergnügen sein, alte Dinge wieder instand zu setzen, ihnen ein zweites Leben einzuhauchen und sie in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Ich wette, das schlägt jedes Einkaufserlebnis.

Mit den besten Grüssen vom Flohmarkt, Euer Traummülltaucher

Bild von Jo: Avec une main de fer.

2007-05-24

Wo sind die Bienen?

Von traumperlentaucher @ 06:47 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Im April, als der Pflaumenbaum blühte, habe ich sie noch summen gehört. Doch seither habe ich kein einziges Exemplar mehr gesehen. Es ist, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Ob die Imker in der Umgebung alle weggezogen sind? Dabei wimmelt es nur so von Insekten. Nebst einer Unmenge von Fliegen, Mücken, Wespen und Hornissen, Schmetterlingen in allen Farben, konnte ich auch einige Totenkopfschwärmer, Libellen, Holzbienen und Hummeln ausmachen. Doch Bienen – kein Stück.
Dabei mangelt es nicht an Blüten. Am Fliederbusch, der jetzt verblüht ist, habe ich keine Bienen entdecken können, auch nicht auf der Blumenwiese neben dem Haus. In früheren Jahren, so erinnere ich mich, war die Luft erfüllt von ihrem Summen und man musste aufpassen, dass man nicht gestochen wurde, wenn man ohne Schuhe im Gras unterwegs war. Natürlich ist mir aufgefallen, dass es in den letzten Jahren immer weniger wurden. Doch dass alle plötzlich verschwinden könnten, daran habe ich nie gedacht.
Bleibt nur die bange Frage: Welche Wesen werden die nächsten sein?

Bild: Dans la brume, von Jo

2007-05-23

Apokalypse 1

Von traumperlentaucher @ 08:26 [ Traumgeschichten ]


Jack saß an diesem Abend am Radio und hörte Nachrichten. Sein Fernseher war unbrauchbar geworden, seit der Strom ausgefallen war. Nachdenklich schaute er in die Abenddämmerung. Der Himmel über den Bergen schien ihm unwirklich mit seinem violetten Schimmer - wie der Himmel einer anderen Welt. Die Meldungen waren immer die gleichen und allesamt unerfreulich. Als er den Apparat ausschaltete, hörte er ein Motorengeräusch. Er blickte zum Fenster hinaus in die weiße Winterlandschaft und sah wie der große Geländewagen in die Einfahrt kurvte. Nun war sie also doch gekommen. Lange hatte er auf sie gewartet und sich Sorgen gemacht. Unten in der Stadt war das Leben nicht mehr so einfach und man musste höllisch aufpassen. Erstaunlich, dass sie das Benzin für diese lange Fahrt aufgetrieben hatte!
Später, als sie vor dem Kamin saßen, berichtete sie über ihre Erfahrungen: „Die Strukturen sind am zerfallen und die Ereignisse beschleunigen sich.“
Er zuckte mit den Schultern: „Die Geschichte der Menschheit ist nur ein kurzes Blinken in den Hallen der Ewigkeit. Jede biologische Spezies wird irgendwann aussterben, das ist ein Naturgesetz.“
„ Aber vielleicht schaffen wir es“, antwortete sie. Vielleicht können wir hier oben überleben.“
Er grinste: „Wozu? Wir schulden Gott einen Tod. Derjenige der dieses Jahr stirbt ist quitt.“
Oh wie sie seinen Zynismus hasste! „Diese Welt ist einzigartig, wenn sie stirbt, gibt es keine Hoffnung mehr.“
Er lächelte. „Welten gibt es wie Sand am Meer. Es überleben nur die Besten. Der Evolutionsprozess, verstehst du.“
Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Das kann Gott doch nicht gewollt haben. Er kann doch nicht zulassen, dass sein Schöpfungswerk vernichtet wird!“
Er schaute zum Fenster hinaus und es dünkte ihn, der violette Schein sei intensiver geworden. „Doch, es gehört zu seinem Plan. Er hat den Prozess angestoßen und er wird nicht eingreifen.“
Der Boden erzitterte und die Gläser im Regal klirrten. Der violette Schein war nun in ein hellrotes Leuchten übergegangen. Da kamen ihm die Worte aus Shakespeare's Hamlet in den Sinn: In that sleep of death, what dreams may come, when this mortal coil has shuffled off – must give us a pause. Und er fragte sich, wo sie morgen sein würden – und wann?
„Komm, lass uns die restliche Zeit genießen.“ Er nahm sie in seine Arme und trug sie zum Bett.

Mit ganz und gar unapokalyptischen Grüssen, Euer Traumperlentaucher

2007-05-22

Die Firma

Von traumperlentaucher @ 06:16 [ Ein Traum von einem Buch ]


Merkwürdige Sekretärinnen, die nur in der Fantasie des Direktors zu existieren scheinen, liebestolle Buchhalterinnen, ein schmieriger Finanzchef aus dem Konzern, der von allem und allen immer mehr fordert und von nichts und niemandem etwas versteht, ein Entwicklungschef, der seine Sorgen im Alkohol ertränkt, ein Verkaufsmanager, der Produkte verkauft, die noch gar nicht existieren und ein Qualitätspriester, der sich dem Kampf gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz verschrieben hat.
Mitten drin, Alex Rieder, Direktor einer Firma im Umbruch.
Alex glaubt zu träumen, als die neue Führungsriege in der Konzernzentrale seine Firma umkrempeln will und sich seine Kollegen auf der Teppichetage auf konfuse Art zu verändern beginnen. Sein undurchsichtiger Betriebsleiter streicht den neuen Chefs aus der Zentrale Honig ums Maul und vergnügt sich zur Abwechslung mit seinen Mitarbeiterinnen, Berater mit wirren Aufträgen suchen ungefragt die Firma heim, ein junger und überdrehter MBA-Abgänger soll einen neuen Geschäftsbereich aufbauen und alle sägen munter an Alex Stuhl.
Als die Intrigen das ganze Unternehmen erfassen und die Mitarbeiter mehr politisieren als sich um ihre Produkte und Kunden zu kümmern, gerät auch Alex in den Strudel des chaotischen Geschehens und sein Alptraum wird zur Wirklichkeit. Er schlittert von einer Affäre in die andere – beruflich und privat. Das ist weder seiner Karriere noch seinem Privatleben förderlich und beide geraten prompt aus den Fugen.
Aber auch die Qualität der Produkte sinkt ins Bodenlose, Neuentwicklungen kommen ins Trudeln und die Kunden meutern. Kein Wunder! Denn die führungslose Mannschaft besäuft sich auf Firmenfesten, die zu Orgien mutieren und einige koksen sogar am Arbeitsplatz.
Als Alex eines Nachts die Bekanntschaft einer Hexe macht, die das unausweichliche Ende vorhersieht, fasst er einen Plan. Sein designierter Nachfolger geistert schon im Gebäude herum, da erfüllt er sich mit einem ausgefallenen Betriebsausflug einen letzten großen Traum. Dabei kommt es zum erwarteten Showdown.

Dies ist der Inhalt meines neusten Buches, das diesen Sommer erscheinen wird. Eine gnadenlos geschriebene Geschichte, wie sie nie in Geschäftsberichten und Pressemitteilungen zu lesen ist – höchstens zwischen den Zeilen.
Mehr davon und natürlich den Titel werde ich in den nächsten Wochen hier in diesem Blog verraten.

Natürlich ist die Geschichte von Alex und seiner Firma frei erfunden und steht in keinem Zusammenhang mit wirklich existierenden Personen und Firmen. Ähnlichkeiten sind deshalb ganz und gar zufällig und unbeabsichtigt.

Einen nicht ganz zufälligen Tag wünscht Euch, Euer Traumperlentaucher

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