Die Nichtangekommene
| Von traumperlentaucher @ 09:06 | [ Träume ] |

„Sie sind hier und doch nicht da.“
Ich drehte mich zum Gesichtslosen, der neben mir auf der Bank sass. Meinte er etwa die Menschen, die mit uns in dem düsteren Wartesaal sassen?
Mein Traumbegleiter hatte sein Gesicht wieder verloren, nachdem ich beim letzten Mal mein eigenes in ihm zu erkennen geglaubt hatte.
„Wo sind wir hier überhaupt?“, fragte ich ihn leise, denn ich wollte die andächtige Stille nicht stören, die in diesem lang gezogenen Raum herrschte.
Doch der Gesichtslose ging nicht auf meine Frage ein. Stattdessen antwortete er:
„Sie sind Grenzgänger, mal hier mal drüben.“
„Dann ist das hier eine Grenzstation“, versuchte ich es noch einmal.
„Grenze um Grenze überschritten, bis sie sich im Labyrinth der eigenen Gedanken verlaufen haben“, murmelte er.
Ich war es gewohnt, vom Gesichtslosen rätselhafte Antworten zu bekommen. Doch diesmal war es besonders schlimm. Er grummelte:
„Sie haben sich durch das Leben geträumt bis zum letzten Tor. Blumengeschmückt und verlassen standen sie davor, die Sehnsucht der Gespenster im fliehenden Herzen.“
Ich beschloss keine weiteren Fragen zu stellen und schaute mich in dem langen Saal gründlicher um. Es war mehr eine Art Korridor, mit Bänken auf beiden Seiten. Es gab zwar Fenster, aber draussen war es dunkel. Doch auch drinnen war die Beleuchtung schummrig. Die Enden des Korridors waren nicht zu erkennen, nicht wegen dem fehlenden Licht, es war als würden sie nicht existieren. Das ist oft so. Viele Details in meinen Träumen existiert nicht oder nur halb. Es ist vielfach so, als hätte jemand Kulissen aufgestellt und sich dabei nur auf das Wesentliche konzentriert.
Vis-à-vis sass eine ältere Frau mit langem schwarzem Haar mit einigen grauen Strähnen darin. Sie schien geradewegs durch mich hindurch zu sehen. Ich betrachtete sie genauer. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Rosenkranz, in ihrer linken einen kleinen Zweig. Einen Zweig! Ich war wie elektrisiert. Schon wieder dieser Zweig mit den kleinen roten, fast runden Blättern mit dem metallenen Schimmer!
Da sagte der Gesichtslose neben mir: „Sie wird ihn vergessen.“
„Wieso denn? Sie hält ihn doch in Händen.“
„Sie wird ihn vergessen“, beharrte er. „Denn sie ist nie angekommen. Sie hat die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren mit dem Preis der Einsamkeit bezahlt.“
Ich bin sicher, dass der Traum noch weiter ging, doch seltsamerweise kann ich mich nicht mehr an die Fortsetzung erinnern. Eine Art Bruch – ein Filmriss.
Grüsse aus dem Wartesaal der Träume, Euer Traumperlentaucher
Bild: Rückkehr, von Mike












