Mustersucher
| Von traumperlentaucher @ 09:00 | [ Träume ] |

In der Ferne hing ein Dunstschleier über dem Fluss und ich vermeinte, ein leises Rauschen zu vernehmen. Näherten wir uns dem „großen Bruch“, einem mächtigen Wasserfall, von dem die Flussfahrenden erzählten? Der Fluss solle dort auf seiner ganzen Breite mehr als tausend Meter hinunterstürzen auf eine tiefer gelegene Ebene. Kein Schwimmer oder Flossbesitzer habe jemals diesen Sturz überstanden. Wer es nicht rechtzeitig schaffe, an Land zu gehen, sei verloren. Schade, dass ich keinen Feldstecher hatte, oder gar ein Fernrohr.
„Hier, du kannst meines benutzen.“ Der Gesichtslose streckte mir ein ausziehbares Fernrohr hin, wie man es aus Piratenfilmen kennt. Er hatte es aus dem Nichts gezaubert. Ich nahm es dankend entgegen um den fernen Nebel zu inspizieren. Doch da war nichts.
„Manche Dinge verschwinden, wenn man genauer hinschaut“, bemerkte der Gesichtslose.
„Aber mit bloßem Auge gesehen, hängt dort Nebel über dem Fluss. Und das Rauschen bilde ich mir auch nicht ein.
„Wir sind alle Mustersucher. Wir versuchen in allem und jedem Muster zu erkennen, im Raunen des Windes, in den Gesteinsformationen der Berge, im Verhalten der Menschen.“
Da hatte er wohl Recht. Auch ich versuchte immer wieder Muster zu sehen, wo keine waren. Doch woran lag das?
„Die Menschen mögen das Chaos nicht. Alles muss seine Ordnung haben, auch wenn es eine Unordnung ist. Chaos scheint uns widernatürlich, gegen das Leben gerichtet. Darum versuchen wir auch im größten Chaos Muster zu entdecken.“
„Woran liegt das? An unserem Ordnungssinn?“
„Nein, an der Saat der Religionen. Götter lassen Chaos nicht zu. Sie haben die Welt erschaffen und sie zwingen den Menschen in ein Schema. Jeden Sonntag in die Kirche oder fünfmal am Tag in eine bestimmte Himmelsrichtung beten. Ohne Ordnung kein Leben nach dem Tod. Chaos würde endloses Vergessen bedeuten, behaupten die Priester.“
„Menschen brauchen die Ordnung, sie gibt ihnen Halt. Ohne Ordnung sind sie verloren“, wandte ich ein. „Das Resultat wäre Anarchie. Jeder gegen jeden. Haltloser Individualismus, der zum Zerfall der Gesellschaft führen würde.“
„Darum brauchen wir die Religion, das Militär und die Bürokratie“, spottete er. So einfach ist es nicht. „Wir brauchen auch das Chaos, denn nur aus dem Chaos kann wirklich Neues entstehen. Nur im Chaos sind wir in der Lage, uns zu wandeln und weiterzuentwickeln.“
Eine gewagte Aussage meines Traumbegleiters. War er ein verkappter Anarchist?
„Auch das größte Chaos hat seine Regeln“, hielt ich ihm entgegen.
Er hüstelte, wie es seine Art war, ein Lächeln auszudrücken.
„Du bist ein passionierter Mustersucher. Doch hier irrst du dich. Wenn Chaos Regeln hätte, könnte es nicht existieren. Schlimmer noch: Auch die Ordnung könnte in diesem Fall nicht existieren. Denn die Ordnung braucht Chaos, genauso wie Warm Kalt braucht und das Licht die Dunkelheit.“
Leider beendete Mitri, der Kater, meinen Traum, indem er mich in den großen Zeh biss. Er hatte Hunger und interessierte sich nicht für meine Träume.
Ich denke, was für Menschen gilt, gilt auch für Firmen: Jede Firma braucht eine Portion Chaos um innovativ zu sein, aber auch eine Portion Ordnung um profitabel zu sein. Frohes Schaffen. Euer Traumperlentaucher.












