2009-11-24

Mustersucher

Von traumperlentaucher @ 09:00 [ Träume ]


In der Ferne hing ein Dunstschleier über dem Fluss und ich vermeinte, ein leises Rauschen zu vernehmen. Näherten wir uns dem „großen Bruch“, einem mächtigen Wasserfall, von dem die Flussfahrenden erzählten? Der Fluss solle dort auf seiner ganzen Breite mehr als tausend Meter hinunterstürzen auf eine tiefer gelegene Ebene. Kein Schwimmer oder Flossbesitzer habe jemals diesen Sturz überstanden. Wer es nicht rechtzeitig schaffe, an Land zu gehen, sei verloren. Schade, dass ich keinen Feldstecher hatte, oder gar ein Fernrohr.

„Hier, du kannst meines benutzen.“ Der Gesichtslose streckte mir ein ausziehbares Fernrohr hin, wie man es aus Piratenfilmen kennt. Er hatte es aus dem Nichts gezaubert. Ich nahm es dankend entgegen um den fernen Nebel zu inspizieren. Doch da war nichts.
„Manche Dinge verschwinden, wenn man genauer hinschaut“, bemerkte der Gesichtslose.
„Aber mit bloßem Auge gesehen, hängt dort Nebel über dem Fluss. Und das Rauschen bilde ich mir auch nicht ein.
„Wir sind alle Mustersucher. Wir versuchen in allem und jedem Muster zu erkennen, im Raunen des Windes, in den Gesteinsformationen der Berge, im Verhalten der Menschen.“

Da hatte er wohl Recht. Auch ich versuchte immer wieder Muster zu sehen, wo keine waren. Doch woran lag das?

„Die Menschen mögen das Chaos nicht. Alles muss seine Ordnung haben, auch wenn es eine Unordnung ist. Chaos scheint uns widernatürlich, gegen das Leben gerichtet. Darum versuchen wir auch im größten Chaos Muster zu entdecken.“
„Woran liegt das? An unserem Ordnungssinn?“
„Nein, an der Saat der Religionen. Götter lassen Chaos nicht zu. Sie haben die Welt erschaffen und sie zwingen den Menschen in ein Schema. Jeden Sonntag in die Kirche oder fünfmal am Tag in eine bestimmte Himmelsrichtung beten. Ohne Ordnung kein Leben nach dem Tod. Chaos würde endloses Vergessen bedeuten, behaupten die Priester.“
„Menschen brauchen die Ordnung, sie gibt ihnen Halt. Ohne Ordnung sind sie verloren“, wandte ich ein. „Das Resultat wäre Anarchie. Jeder gegen jeden. Haltloser Individualismus, der zum Zerfall der Gesellschaft führen würde.“
„Darum brauchen wir die Religion, das Militär und die Bürokratie“, spottete er. So einfach ist es nicht. „Wir brauchen auch das Chaos, denn nur aus dem Chaos kann wirklich Neues entstehen. Nur im Chaos sind wir in der Lage, uns zu wandeln und weiterzuentwickeln.“

Eine gewagte Aussage meines Traumbegleiters. War er ein verkappter Anarchist?
„Auch das größte Chaos hat seine Regeln“, hielt ich ihm entgegen.
Er hüstelte, wie es seine Art war, ein Lächeln auszudrücken.
„Du bist ein passionierter Mustersucher. Doch hier irrst du dich. Wenn Chaos Regeln hätte, könnte es nicht existieren. Schlimmer noch: Auch die Ordnung könnte in diesem Fall nicht existieren. Denn die Ordnung braucht Chaos, genauso wie Warm Kalt braucht und das Licht die Dunkelheit.“

Leider beendete Mitri, der Kater, meinen Traum, indem er mich in den großen Zeh biss. Er hatte Hunger und interessierte sich nicht für meine Träume.

Ich denke, was für Menschen gilt, gilt auch für Firmen: Jede Firma braucht eine Portion Chaos um innovativ zu sein, aber auch eine Portion Ordnung um profitabel zu sein. Frohes Schaffen. Euer Traumperlentaucher.

2009-11-23

Scheissegal

Von traumperlentaucher @ 08:33 [ Gedanken & Beobachtungen ]


„Klimalüge entlarvt“, titelt ein Blog, das hinter jedem Sack Reis, der in China umfällt, eine Verschwörung vermutet. Auch in „Skeptiker-Foren“, wie dem Gelben, gehen die Wellen hoch. Was ist geschehen?
Ein Hacker hat einige Megabyte Emails vom Server des britischen Klimaforschungsinstituts CRU kopiert und im Internet verbreitet. Darin findet man u.a. Hinweise, wie Klimadaten geschönt wurden und Beispiele, wie sich die Wissenschaftler über Klimaskeptiker mokieren.
Nichts Spektakuläres, keine großen Enthüllungen oder Neuigkeiten, bloß die Bestätigung, dass Wissenschaftler auch nur Menschen sind.
Doch die Klimaskeptiker sehen sich in ihrem Muster bestätigt, dass die CO2-Story ein grosser Schwindel sei um die Menschen abzuzocken und zu knechten.
Natürlich wird auch in der Wissenschaft gelogen, intrigiert und zurechtgebogen, wie überall wo es um Macht, „Ehre“ und Geld geht. Ein Doktortitel macht nicht immun gegen menschliche Schwächen. Nur einfach gestrickte Menschen glauben, dass bei der Klimaforschung nicht geschummelt wird.
Doch was soll’s? Die Gletscher schmelzen, die Jahreszeiten haben sich im Schnitt gewandelt. Um das zu sehen, brauche ich nicht Forscher zu sein. Und angesichts dessen, dass wir es in ein paar Jahrzehnten geschafft haben, die Hälfte der fossilen Energie, die über Jahrmillionen in der Erde in Form von Kohle, Erdgas und Öl gespeichert war, in die Luft zu blasen, scheint es mir auch wahrscheinlich, dass heute mehr CO2 in der Luft ist, als vor der Industrialisierung.
Aber ob da ein Zusammenhang besteht, ist mir inzwischen egal. Nachdem ich jahrelang in einem Sparwägelchen, eigentlich bloss ein fahrender Ventilator, unterwegs war, bin ich auf einen Achtzylinder umgestiegen. Ich möchte an der Vernichtung der verbleibenden Hälfte Öl auch meinen Spass haben, auch wenn ich meinen Wagen nur wenig benutze. Auch habe ich einen Lebensbedarf an Glühbirnen gekauft, da ich meine alten Tage bei vernünftigem Licht verbringen möchte und nicht meine Augen mit sogenannten Sparlampen quälen will. Auch das Jacuzzi bleibt auf wohlige 36 Grad geheizt. Wenn ich die nächtliche „Lichtverschmutzung“ sehe, herrscht wohl kaum ein akuter Strommangel.
Wie schon oft in diesem Blog geschrieben: Das Narrenschiff lässt sich nicht aufhalten und dem Universum ist es wurscht, ob ich Achtzylinder fahre oder nicht.
Wir Menschen werden unweigerlich den langen Marsch zurück ins Olduvai Tal antreten. Wir könnten den Abstieg wohl etwas sanfter gestalten, den Weg etwas verlängern, aber wollen tun das nur Wenige. Denn langfristig gesehen sind wir sowieso alle tot.

Eine fröhliche konsumorientierte und Klingelton angereicherte Woche. Euer Traumperlentaucher.

2009-11-20

Das Bett unter dem Sanddorn

Von traumperlentaucher @ 10:11 [ Träume ]


Ich war wütend. Der Gesichtslose spielte mit mir Katz und Maus.
„Wieso hältst du mich in diesem Traum? Wieso spielst du dich als Traumgott auf?“, fuhr ich ihn an.
Er ging nicht darauf ein. „Wir müssen dort hinunter.“ Er deutete auf den Fluss unter uns in der Felsenschlucht.
„Das haben wir schon versucht und beim letzten Mal bin ich abgestürzt und habe dabei meinen Traumkörper verloren.“
Er hüstelte, vermutlich wegen dem “Traumkörper“.
„Du wolltest ja unbedingt fliegen. Aber dieses Mal wirst du nicht abstürzen. Ich werde auf dich aufpassen.“
Ich fügte mich in mein Schicksal, zumal meine Versuche aufzuwachen, keinen Erfolg zeitigten. Vermutlich blockierte mein gesichtsloser Traumbegleiter die Grenze zur Wirklichkeit. War er also doch ein Traumgott, oder etwa ein Zauberer?
„Erstens bin ich weder Gott noch Zauberer und zweitens blockierst du dich selbst.“ Er hatte offensichtlich wieder in meinen Gedanken gestöbert.
Er wandte sich ab und begab sich auf den schmalen, in den Fels gehauenen Pfad, der steil nach unten führte. Ich folgte ihm.
„Wenn du das Gleichgewicht verlierst, so halte dich fest“, sagte er, ohne sich umzusehen. Dabei war mir nicht klar, ob er überhaupt sprach oder seine Worte direkt in meinem Kopf entstanden.
„Du hast gut reden. Hier gibt es nichts, woran ich mich festhalten könnte.“
„Du sollst dich auch nicht mit deinen Händen festhalten, sondern mit deinen Gedanken.“
„Telekinese? Die beherrsche ich leider nicht, nicht einmal im Traum.“
„Das ist so einfach wie Gedankenlesen. Stelle dir einen dritten Arm vor, der aus deinem Gehirn hinauswächst. Du kannst ihn so lange wachsen lassen, wie es notwendig ist und du kannst dich damit nicht nur festhalten, sondern auch Gegenstände ergreifen und manipulieren.“
„Schöne Geschichte. Genauso wie das Gedankenlesen, das du mir beibringen wolltest. Vermutlich sagst du mir jetzt, dass ich einfach üben solle.“
„In der Tat, Übung macht den Meister. Es gibt Menschen, die beherrschen diese Kunst sogar in der Wirklichkeit.“
„Etwa Zauberer? Die arbeiten doch alle mit Tricks.“
„Nicht alle. Einige arbeiten mit ihrer Gedankenkraft.“
„Und manipulieren die Gehirne der Zuschauer?“, entgegnete ich.
„Manchmal, aber meistens arbeiten sie an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit.“
Plötzlich standen wir am Ufer des Flusses, gerade an der Stelle, wo er die Schlucht verliess. Wie wir so schnell den Abstieg geschafft hatten, konnte ich mir nicht vorstellen. Doch was sollte es! In Träumen gelten eben andere Regeln.
„Darf ich jetzt endlich aufwachen?“
„Dieser Flussabschnitt ist etwas Besonderes und es gibt einige Dinge, die ich dir noch zeigen möchte.“
„Das kann warten, ich komme wieder.“
„Wie du willst.“ Er deutete auf das Ufergebüsch. Da stand mein Bett neben einem Sanddornbusch. Meine Partnerin lag schlafend darin.
„Danke“, sagte ich und legte mich zu ihr, ergriff ihre Hand und schloss die Augen.
Als ich aufwachte, waren der Gesichtslose, der Sanddorn und Fluss weg. Die Wirklichkeit schien wirklich und traumlos.

Ich wünsche euch ein kunterbuntes, traumhaftes Wochenende. Euer Traumperlentaucher

Bild: Kein Sanddorn aber ein Perückenstrauch (smoke bush)

2009-11-19

Es gibt keine Abkürzung

Von traumperlentaucher @ 07:49 [ Träume ]


Ich stand wieder auf dem Felsplateau, genau wie gestern im Traum.
„Komm, der Weg hinunter ist lang und schwer“, sagte der Gesichtslose zu mir.
„Wieso fliegen wir nicht einfach zum Fluss hinunter? Wir träumen ja bloß!“
„Der Weg ist das Ziel.“
Eine Alarmglocke erklang und ein rotes Licht blinkte in meinem Kopf. „Déjà vu“, raunte mein Verstand.
„Ich komme nicht mit“, sagte ich aus einer plötzlichen Eingebung heraus, „ich nehme den Aufzug.“
„Der fährt nur nach oben.“
Er war in die Falle getappt. Es gab hier keinen Aufzug. Etwas stimmte nicht an diesem Traum …und an meinem Gesichtslosen. Ich musste aufwachen!

Als ich die Augen öffnete, war es draußen noch dunkel. Aber ich lag im Bett und hörte das leise Atmen meiner Partnerin. Die Wirklichkeit hatte mich wieder.
Ich konnte nicht mehr einschlafen und so lag ich da, starrte in die Dunkelheit und sinnierte über den seltsamen Traum. Wiederholungsträume sind keine Seltenheit. Doch der Vergangene war kein gewöhnlicher Wiederholungstraum gewesen, das fühlte ich.

Als das Morgengrauen einsetzte, drehte ich meinen Kopf zu meiner Partnerin. Auch sie hatte ihr Gesicht mir zugedreht.
Was ich sah, ließ mein Blut in den Adern erstarren. Anstelle ihres Gesichts sah ich bloß ein graues Oval. Keine Augen, keine Nase, keinen Mund. Neben mir lag der Gesichtslose.

Wie ein geölter Blitz schoss ich aus dem Bett und rannte aus dem Zimmer.
Doch was jetzt? Ich stoppte. Keine Sekunde zu früh! Ich befand mich am Rande des Felsplateaus. Tief unter mir fraß sich der Fluss durch das Gebirge.
Als ich mich umdrehte, stand der Gesichtslose hinter mir.
„Es gibt keine Abkürzung“, sagte er.

Fortsetzung folgt. Euer Traumperlentaucher

2009-11-18

Erinnerungen an die Zukunft

Von traumperlentaucher @ 08:11 [ Träume ]


„Obschon ich fleißig geübt habe, kann ich immer noch nicht Gedanken lesen“. Klagte ich dem Gesichtslosen, als ich ihn wieder traf. Dieses Mal fand ich ihn nicht am Ufer des Flusses, sondern hoch oben auf einem Felsplateau. Der Fluss fraß sich an dieser Stelle durch eine mächtige Steinbarriere und der Uferweg musste deshalb in die Höhe ausweichen. Leider konnte ich von hier aus nicht sehen, ob er von links nach rechts floss oder umgekehrt. Ich wusste also nicht auf welcher Seite wir uns befanden.
„Bis zum Tor bin ich zwar gelangt, aber ich weiß nicht, wo ich nach dem Schlüssel suchen muss“, erklärte ich ihm.
„Suchen bringt nichts. Der Schlüssel wird dich finden, wenn du bereit bist.“
„Woran erkenne ich denn meine Bereitschaft?“
Der Gesichtslose hüstelte. Dann wandte er sich zum Gehen.
„Komm, der Weg hinunter ist lang und schwer.“
Da war es wieder, dieses Ausweichen. Sobald ich auf den entscheidenden Punkt zu sprechen kam, wechselte er einfach das Thema. Ich tat es ihm gleich:
„Wieso fliegen wir nicht einfach hinunter? Wir befinden uns ja im Traum."
„Der Weg ist das Ziel.“
Abgedroschene Phrase! War das alles, was er heute zu bieten hatte?
„Heute?“, sagte er und demonstrierte damit, dass er meine Gedanken tatsächlich lesen konnte. „In diesem Traum gibt es kein Heute. Er ist zeitlos.“
„Aber ich träume ihn doch jetzt, also heute!“
„Bist du dir sicher? Woher willst du wissen, dass du ihn nicht schon gestern oder vor drei Jahren geträumt hast oder erst in Zukunft träumen wirst.“
„Weil ich morgen aufwachen werde. Und ich werde mich an diesen Traum erinnern. Erinnerungen kennen einen Chronologie aber sie kennen keine Zukunft.“
Er hustet, als hätte er eine Packung Zigaretten aufs Mal geraucht und wäre dabei beinahe gestolpert.
„Nichts ist so unzuverlässig wie Erinnerungen.“

In diesem Moment verlor ich das Gleichgewicht auf dem schmalen Felsenpfad. Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit und es war passiert. Ich versuchte mich noch umzudrehen, versuchte mit der Linken ein einsames Grasbüschel am Wegrand zu packen. Doch die Tiefe zog mich magisch an. Mein Körper kippte über den Rand des Abgrundes.
Ein Aufblitzen von Panik, dann, als mir wieder bewusst wurde, dass ich träumte, der Versuch zu fliegen. Wie ein Vogel wollte ich meine Arme bewegen, doch die wollten nicht.
Lass ihn, sagte ich mir und meine Gedanken verließen den Körper. Ich sah ihn, wie er in den Abgrund raste, schwebte dabei über dem Felsenpfad. Im Nichtgesicht des Gesichtslosen wabberte es. Rote Schlieren wechselten mit gelben und violetten.
Zeit zum Aufwachen, dachte ich. Doch dann durchzuckte mich der Schreck. Wie sollte ich aufwachen ohne meinen Körper?
Unten beim Fluss spritze eine Fontäne Wasser in die Höhe.

Die Tatsache, dass ich diese Zeilen schreibe, beweist, dass ich trotzdem in die Wirklichkeit zurück gefunden habe. Es sei denn, dieser Traum wurde nicht gestern geträumt, sondern wird erst in Zukunft geträumt werden.

Gerade zieht ein Wolkenhund an meinem Fenster vorbei. Könnt ihr ihn auch sehen? Euer Traumperlentaucher

2009-11-17

Der Schlüssel zum Gedankenlesen

Von traumperlentaucher @ 09:06 [ Träume ]


„Du kannst Gedanken lesen?“, staunte ich.
„Ja, hast du das noch nicht bemerkt.“
Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Anlässlich unserer Spaziergänge am Ufer des Flusses hatte ich mich immer gewundert, wie oft er meine Gedanken erraten konnte.
„Können das alle Traumgestalten?“
„Träume sind offen, auch wenn sie verschlüsselt erscheinen.“
Da war sie wieder: seine mysteriöse Ader. Selten erhielt ich auf eine klare Frage eine klare Antwort. Doch dann fuhr er unerwartet fort:
„Auch du kannst Gedanken lesen.“
„Aha. Deine auf jeden Fall nicht.“
„Es ist ganz einfach. Du brauchst dich bloß zu konzentrieren.“
„Auf deine Gedanken?“ Ich versuchte es. Doch da war nichts, kein Echo, kein Flüstern, rein gar nichts.
„Nein, das nützt nichts. Du kannst stundenlang jemanden anstarren und dir das Hirn aus dem Schädel denken; so wird es nie klappen. Du musst zu mir kommen.“
„Da bin ich ja. Oder willst du, dass ich dir noch näher auf die Pelle rücke?“
Der Gesichtslose hüstelte. Das Äquivalent eines Lächelns.
„Das ist nicht nötig. Es braucht dazu keine physische Nähe. Stelle dir vor, zwischen uns gäbe es eine Verbindung, eine Art Geheimgang. Stell dir vor, er sei dunkelblau mit violetten Rändern. Gehe dann hinein in diesen Gang, bis du zu einer Tür gelangst. Stoße sie auf und betrete meine Gedankenwelt.“
Ich war baff. Eine so genaue Gebrauchsanweisung hatte ich von meinem Traumbegleiter nicht erwartet. Ich versuchte es und fand den beschriebenen Gang auf Anhieb. Er war wie ein in rohen Felsen getriebener Stollen. Aber ich kam nicht sehr weit. Etwas Elastisches, Zähes, zog mich immer wieder zurück.
„Du musst üben – immer wieder“, meinte er. „Eines Tages wirst du bis zur Tür gelangen.“
„Und dann kann ich sie so ohne weiteres aufmachen?“
Er hüstelte wieder. Ich war froh, dass er nicht mehr rauchte. Seine Hustenanfälle hatten mich jeweils um sein Traumleben fürchten lassen.
„Wenn du den richtigen Schlüssel hast, ja.“
Da war er also, der Hacken; hatte ich mir doch gedacht. Bevor ich mich aus meinem Traum verabschiedete, wollte ich aber noch wissen, ob sein Rezept auch in der Wirklichkeit funktionierte oder ob das Gedankenlesen nur auf Träume beschränkt war. Doch er hüstelte bloß und beim Überqueren der Traumgrenze wurde sein Hüsteln zu einem frischen Lachen.
Ich werde mal ein bisschen üben. Bis zur Tür werde ich es schaffen, davon bin ich überzeugt. Doch den richtigen Schlüssel zu finden, wird schwierig sein. Wie bei den meisten Problemen im Leben.

Frohe Spätherbstzeiten und viele bunte Blätter. Euer Traumperlentaucher.

2009-11-16

Das andere Ufer

Von traumperlentaucher @ 09:56 [ Träume ]


Irgendetwas stimmte nicht, ich fühlte es sofort. Aber es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, dass der Fluss in die falsche Richtung floss, aufwärts statt abwärts. War ich etwa in einem falschen Traum? Beunruhigt wandte ich mich an meinen gesichtslosen Begleiter, der mit mir am Ufer stand.
„Kein Grund zur Sorge“, meinte er. „Wärst du im falschen Traum, wär ich nicht hier. Wir stehen bloß am anderen Ufer.“
Wieso hatte ich das nicht gleich erkannt? Ich wunderte mich.
„Was hat uns hierher verschlagen? Bisher begann doch mein Traum immer drüben, wo der Fluss von links nach rechts fließt.“
„Links und rechts sind dem Fluss einerlei, er richtet sich allein nach dem Gefälle.“
Geschickt war der Gesichtslose meiner Frage ausgewichen und ich fragte mich wieso. Aber aus Erfahrung wusste ich, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu bohren. Also versuchte ich es auf eine andere Weise:
„Wie kommen wir nun wieder auf die andere Seite?“
„Überhaupt nicht. Es gibt keine Fähren oder Brücken. Wir müssen hier bleiben.“
Wie stur er doch sein konnte! Ich sah ein, dass ich mit Konversation das Mysterium des Seitenwechsels nicht lösen konnte. Es wurde Zeit für eine Aktion. Ohne weitere Worte zu verlieren, wandte ich mich ab, rannte die Uferböschung hinunter und sprang kopfvoran in den Fluss. Ohne mich umzublicken, schwamm ich dem anderen Ufer entgegen.

Als ich „drüben“ aus dem Wasser stieg, erwartete er mich schon. Er stand unten an der Böschung und reichte mir die Hand. Eine Geste, die ich von ihm nie erwartet hätte.
Ich schaute hinüber zum anderen Ufer. Es schien unendlich weit weg. War ich wirklich diese Strecke oder nur im Kreis geschwommen?
„Wie bist du hierher gekommen?“, fragte ich meinen Traumbegleiter.
„Ich bin eine Traumgestalt, schon vergessen?“
„Ich doch auch!“, protestierte ich.
„Nicht wirklich, du bist bloß ein Besucher, und für die gelten andere Regeln.“
Kurz bevor ich aufwachte fragte ich ihn noch:
„An welchem Ufer werde ich dich beim nächsten Mal treffen?“
Die Antwort, zwischen Traum und Erwachen, war nur noch als leises Flüstern zu vernehmen:
„Drüben, natürlich. Eine neue Traumzeit naht und …

Eine neue Traumzeit? Versprechen oder unheilschwangere Ankündigung? Die Antwort liegt wohl in künftigen Träumen. Bis dahin eine schöne Woche. Euer Traumperlentaucher.

2009-11-10

Nur die Wahrheit kann man leugnen

Von traumperlentaucher @ 07:36 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Der Klima-Hype wird immer verrückter. Das Verbot der Glühbirnen war nur ein Vorgeschmack. Wissenschaftler wollen Kühen Gasmasken umhängen, um die Methanrülpser einzufangen, damit das Gas nicht in die Atmosphäre gelangt, andere fordern gar den vollständigen Verzicht auf Fleischverzehr. In England wird darüber gesprochen, jedem Bürger eine CO2-Karte zu geben, die er bei jedem Kauf vorweisen muss. Ist sein Jahreskontingent aufgebraucht muss er Strafe zahlen. Im Prinzip eine Gebühr zum Atmen.
Die, welche am von Menschen gemachten Klimawandel zweifeln, werden nicht etwa Klimaskeptiker genannt, sondern Klimaleugner. Es würde mich nicht verwundern, wenn man dieses „Leugnen“ verbieten und unter Strafe stellen würde, wie das Leugnen des Holocaust.
Doch nur die Wahrheit kann man leugnen. Alle behaupten zwar, sie zu besitzen, die Religionen, die Wissenschaft, die Verschwörungstheoretiker, die Politiker, die Werbefritzen, die Ökonomen, Experten aller Couleur, doch mich beschleicht der Zweifel.

Vielleicht gibt es gar keine Wahrheiten in einer Welt, die so kompliziert ist, dass wir nur einen winzigen Teil davon wahrnehmen und davon kaum etwas begreifen können.
Mag sein, dass sich das Klima der Erde wandelt, wie es das immer gemacht hat in den vergangenen Millionen von Jahren. Gut möglich, dass der Mensch Anteil daran hat. Immerhin haben wir es bereits geschafft, die Hälfte allen Kohlenstoffs, der während Jahrmillionen in flüssiger oder fester Form in der Erdkruste gebunden war, in die Atmosphäre zu blasen. Und wahrscheinlich werden wir noch in diesem Jahrhundert den Rest auch noch verbrennen.

Diese Entwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten. Nicht mit Technologie, nicht mit Gesetzen. Denn die Selbstzerstörung liegt in der Natur des Menschen. Die Eigenschaften, die uns an die Spitze der „Schöpfung“ gebracht haben, werden uns auch zerstören. Mehr noch: Die Selbstzerstörung ist ein Prinzip des Lebens. Leben entsteht, wächst exponentiell und löscht sich am Ende selbst aus. Die Evolution ist tödlich.

Darum sorge dich nicht und lebe. Vielleicht wandelt sich das Klima – ob zu deinen Ungunsten oder Gunsten, ist noch offen – und vermutlich haben wir alle unseren Anteil daran. Doch bedenke, dass du in wenigen Jahren wieder zu Sternenstaub zerfallen wirst, genauso wie alle Menschen vor dir und nach dir – unabhängig davon, was sie getan oder nicht getan haben. Und da es wahrscheinlich keinen Gott gibt, spielt das auch keine Rolle.

Zudem wird sich die Klimafrage von alleine lösen, wenn die fossilen Brennstoffe verbraucht sind. Und die übrig gebliebenen Menschen werden, nachdem auch der Phosphor aufgebraucht ist, ihren Marsch zurück ins Olduvai-Tal antreten. Diese Entwicklung kann niemand aufhalten, den sie liegt in unseren Genen.

Fatalismus? Mag sein. Vielleicht ist es aber einfach die Altersmilde. Euer Traumperlentaucher

2009-11-09

Das Supermann-Syndrom

Von traumperlentaucher @ 08:07 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Lloyd Blankfein, Chef von Goldman Sachs, sagte der Londoner Sunday Times in einem Interview unter anderem,
Banken würden nichts anderes als Gottes Werk verrichten.
Damit ist er in bester Gesellschaft. Das Gottessyndrom ist weit verbreitet, wie ich bereits in einem früheren Blogbeitrag dargelegt habe. Erstaunlich nur, dass es so offen zu Tage tritt.
Quasi eine Unterkategorie des Gottessyndroms ist das Supermann-Syndrom. Macht braucht‘s dazu nicht. Geld allein reicht. Man muss es nicht einmal selbst „verdient“ haben, wie der Fall des verhafteten Playboys in Zürich zeigt. Bereits mit Papas Geld kann man der Illusion anheimfallen, man könne tun und lassen was man wolle und gehöre zur Kaste der Unberührbaren.
Ist ja auch einfach: Man kann tatsächlich kaufen, was man will und die Frauen am Fließband flachlegen. Alles Sumaluschas wie Models und Missen, natürlich. Die reißen sich darum, dem Supermann zu blasen und sind dann bass erstaunt, wenn dieser die scharfen Bilder vom flotten Dreier als Jagdtrophäen präsentiert.
Aber eigentlich braucht es noch viel weniger, um zumindest für einen kurzen Augenblick dem Supermann-Syndrom anheimzufallen: Ein geleaster Luxusschlitten reicht schon. Damit kann man auf der Überholspur Kleinwagen wie Hühner verscheuchen und bald kommt auch schon das Gefühl auf, einem könne garnix passieren, auch nicht bei Regen und 180km/h. Natürlich blasen auch in diesen Fällen die Missen. Die, die einen Milliardärsohn nicht von einem Plattenleger unterscheiden können.
Wie sagte doch kürzlich unser Bundesrat Moritz Leuenberger: Geld regiert die Welt.
Um das zu merken, braucht man aber kein Bundesrat zu sein.

Eine tolle Woche und viel Kohle. Euer Traumperlentaucher.

2009-11-07

Immer diese Experten

Von traumperlentaucher @ 14:18 [ Gedanken & Beobachtungen ]


Da geisterte doch kürzlich folgende Meldung durch unsere Qualitätsmedien:
„Die Experten erwarten für die nächsten Jahre ein deutliches Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum und deshalb eine höhere Nachfrage. So soll der Personenverkehr bis 2030 auf der Straße um 20 Prozent und auf der Schiene um 45 Prozent zunehmen.“
Woher zum Teufel wissen die das? Und wer sind eigentlich diese Experten, die immer etwas erwarten?
Sind das bloß Hirngespinste der Journalisten oder Interessenvertreter aus Politik und Wirtschaft, die zwecks Meinungsmanipulation „Expertenmeldungen“ an Presseagenturen verschicken?
Oder sind es tatsächlich Wissenschaftler, die aus Profilierungssucht diese Erwartungsnachrichten verbreiten? Vielleicht, denn die Wissenschaft stellt ja nichts anderes dar, als den aktuellen Stand des menschlichen Irrtums.
Oder ist vielleicht gar jeder, der etwas erwartet, ein Experte? Ich sitze am Bahnhof und erwarte den nächsten Zug. Meine Frau erwartet ein Kind. Der Bauer erwartet einen milden Winter.

Nein! Ich denke, „Experte“ ist nichts anderes als ein moderner Ausdruck für Propheten und Wahrsager. Wobei die einfacheren Gemüter unter ihnen das Offensichtliche erwarten, die Komplizierteren das Widersinnige und die Verrückten die Verwirklichung ihrer Wunschträume.

Bei den oben erwähnten Experten scheint es sich um die Unterart „Bahnpropheten“ zu handeln.
Hoffen wir, dass ihre Prognosen nicht eintreffen werden. Denn das würde beuten dass:

a) Die Bevölkerung in unserem überfüllten Land noch wesentlich steigen würde (>10 Mio) oder
b) Wir aus irgendwelchen Gründen viel mehr Zeit in Staus oder überfüllten Zügen verbringen werden. Oder
c) = a + b

Ein gemütliches, verregnetes Wochenende. Euer Traumperlentaucher.

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